Oper, geistlich: Retz ehrt „Maria Magdalena“

Jubel für Wolfram Wagners neue Kirchenoper, die von höchst aktuellem Zuschnitt ist.

Jubel für eine Kirchenoper aktuellen Zuschnitts: „Apostelin der neuen und größten Hoffnung“ nannte Papst Franziskus die in der Kirchengeschichte höchst umstrittene Maria Magdalena und verwies damit auf die bedeutende Stellung, die sie in der christlichen Heilslehre innehat: Der Frau, die in der Stunde des Todes von Jesus unter dem Kreuz stand, offenbarte Christus vor allen anderen die frohe Botschaft seiner Auferstehung.

Wolfram Wagner wagte sich an eine Kirchenoper über diese Frauengestalt und bewältigte die Herausforderung bravourös. Nicht zuletzt, weil ihm mit Monika Steiner eine Librettistin zur Seite stand, die aufgrund ihrer Erfahrungen als Regisseurin die dramatisch effektvolle Umsetzung und szenische Machbarkeit nie aus den Augen verlor – und sie anlässlich der Uraufführung in der Retzer Pfarrkirche St. Stephan auch effektvoll umzusetzen wusste (Bühne: Alexander Löffler, Kostüme: Inge Stolterfoht).

Wagner verzichtete in seiner Partitur auf allzu große Komplexität. Dafür paart sich Gespür für die Möglichkeiten der menschlichen Fantasie mit der des Klangs. Raffinierte Instrumentationskunst garantiert farbig schillernde Nervosität und Spannung – trotz kammermusikalischer Besetzung (16 Spieler unter der sicheren Führung von Andreas Schüller).

Die kompositorischen Mittel sind oft am beeindruckendsten, wenn sie sich – dem geistlichen Rahmen entsprechend – dezent zurücknehmen, etwa wenn im Augenblick des Kreuzestodes die immer langsamer werdenden „Herzschläge“ des tiefen Tom-Toms verklingen.

 

Stilistisch treffsicher

Mögen Avantgardepuristen Wolfram Wagner vielleicht auch angesichts des bewegend schlichten Schlusschorals „gefälliges Komponieren“ vorwerfen – die stilistische Treffsicherheit könnte dieses Werk einem breiteren Publikum öffnen. Die Uraufführung wurde jedenfalls dank eines ausgezeichneten Solistenensembles zum Triumph. Ursula Langmayrs Sopran verlieh der Titelheldin mühelos Strahlkraft, Megan Kahts (Martha von Bethanien) begegnete ihr als zarte Schwester mit lyrisch anmutendem Sopran. Intensiv die Maria von Nazareth Monika Schwabeggers, deren sicher geführter Mezzo auch in zahlreichen dramatischen Auftritten überzeugte.

Ideal der Johannes des bereits staatsopernbewährten Countertenors Alois Mühlbacher, mit einer wohltimbrierten, offen artikulierenden Sopranlage, sauber geführt im Lyrischen wie im Dramatischen. Überzeugend auch Michael Nowaks kraftvoller Tenor als Simon Petrus und der Bariton Matthias Helm als Josef von Arimathäa. Die packenden Chorpassagen setzte das von Lucio Golino einstudierte Terpsichore-Vokalensemble souverän um.

Vorstellungen: 7., 12., 14., 19. und 21. Juli, 20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2019)