Schnellauswahl

Blutsaugende Fliegen vernichten die Brut von Darwins Finken

Der kleine Baumfink gehört zu den am stärksten von den Parasiten betroffenen Arten auf den Galapagosinseln.
Der kleine Baumfink gehört zu den am stärksten von den Parasiten betroffenen Arten auf den Galapagosinseln.(c) Michael Dvorak
  • Drucken

Die Vögel, die Charles Darwin 1835 erstmals auf den Galapagosinseln beobachtete, werden von einem aggressiven Parasiten heimgesucht, der sie in kürzester Zeit ausrotten könnte – auch deshalb, weil sich die Blutsauger evolutionär schneller verändern als ihre Opfer.

Die Fliege kommt, sobald die Küken geschlüpft sind: Sie legt ihre Eier in die Nasenlöcher der Neugeborenen, dort schlüpfen die Larven, die sogleich damit beginnen, den Neugeborenen das Blut aus den Schnäbeln zu saugen. Ab dem zweiten Larvenstadium wandern die Parasiten dann in den dicken, weichen Nestboden, aus dem sie nachts wieder hervorkriechen, um sich an der wehrlosen Vogelbrut zu laben – vergeblich steigen die winzigen Küken übereinander, um den schmerzhaften Stichen zu entgehen. Die Maden saugen sich an ihren Bäuchen fest und lassen nicht eher locker, bis sie sich vollgesogen haben.

„Alle Nester der siebzehn Arten von Darwinfinken sind betroffen“, schildert Sabine Tebbich, Evolutionsbiologin der Abteilung für Kognitionsbiologie der Uni Wien, die dramatische Lage auf den Galapagosinseln. „Die Anzahl der Larven ist extrem hoch, 70, 80 Larven haben wir pro Nest gezählt. Diese Parasiten werden bis zu zwei Zentimeter lang, ein Küken wiegt aber nur ein paar Gramm – das hat keine Chance.“

 

Aus Trinidad eingeschleppt

Viele Vogelpaare haben durch die blutsaugenden Larven der Fliegenart Philornis downsi gar keinen Bruterfolg mehr, bei den kleinen Baumfinken (s. Foto) schaffen es seit 2012 nur noch fünf Prozent der Nester, Junge durchzubringen. Sie gehören zu den am stärksten gefährdeten Darwinfinken, sagt Tebbich. „Das liegt wohl auch an der Gelegegröße – während etwa Grundfinken fünf Eier legen, sind es bei den Baumfinken nur drei, das macht einen Riesenunterschied“, so die Evolutionsbiologin.

Nur durch Zufall entdeckte Tebbich 1997 während der Forschungsarbeiten für ihre Doktorarbeit die Fliegenlarven in den Nestern der Vögel. Seitdem forscht sie, unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF, intensiv an den Wechselwirkungen zwischen den vermutlich in den 1960er-Jahren aus Trinidad eingeschleppten Insekten und den Vogelpopulationen auf den Galapagosinseln.

Gemeinsam mit ihrem Doktoranden Arno Cimadom konnte sie evolutionäre Veränderungen bei den Parasiten beobachten: „Früher haben wir die Larven nur in Nestern mit Küken gefunden. Seit 2012 beobachten wir aber, dass die Fliegen auch schon Nester mit Eiern befallen und sich vom Blut der brütenden Elternvögel ernähren.“ Eine verheerende Abwärtsspirale, denn je früher die Nester befallen werden, umso früher sterben die Küken und umso geringer fällt der Bruterfolg aus, so Tebbich.

Zwar zeigen sich interessante Anpassungen bei manchen Finken: Sie pflücken die Blätter von einem myrtenartigen Gewächs, das nur auf den Galapagos vorkommt und Insekten abwehrende Substanzen enthält, kauen es und reiben es in ihr Gefieder. Das sei wissenschaftlich spannend, und die Komponenten der Pflanze würden derzeit pharmazeutisch untersucht, doch werde es wohl bei Weitem nicht ausreichen, um die Vögel vor den Parasiten zu schützen, ist sich die Evolutionsbiologin sicher.

 

Kaum Zeit für Maßnahmen

Um die Darwinfinken vor der Ausrottung zu bewahren, hat sich ein internationales Konsortium gebildet, das drei Hauptrichtungen verfolgt: die biologische Bekämpfung mit Schlupfwespen, die ausschließlich die Larven von Philornis downsi befallen, Pheromonfallen sowie die massenhafte Freisetzung steriler Fliegenmännchen – doch keiner der genannten Ansätze wäre in unmittelbarer Zukunft einsetzbar. Ob sich angesichts ihrer rapide sinkenden Zahl die Finken noch retten lassen, ist für Sabine Tebbich daher fraglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2019)