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Faktor Mensch im Management

Stephan Leitner berücksichtigt das Menschliche im Betriebswirtschaftlichen, um möglichst realitätsnahe ökonomische Modelle zu entwickeln.
Stephan Leitner berücksichtigt das Menschliche im Betriebswirtschaftlichen, um möglichst realitätsnahe ökonomische Modelle zu entwickeln.(c) Karlheinz Fessl/ karlheinzfessl.com
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Der Erfolg von Unternehmen beruht auf den Entscheidungen Einzelner. Darum erweitert der Ökonom Stephan LeitnerWirtschaftsmodelle um psychologische Aspekte.

Menschliches Verhalten am Computer zu simulieren ist kompliziert. Doch um unternehmerische Prozesse zu untersuchen und damit die Grundlagen für Arbeitsverträge oder leistungsgerechte Entlohnungsschemata zu entwickeln, benötigen Ökonomen Modelle. Sie versuchen also, das Handeln von Akteuren in wirtschaftlichen Zusammenhängen nachzubilden und dessen Auswirkungen zu berechnen. „Alle Aspekte kann man in so ein Programm natürlich nicht hineinmodellieren. Wir möchten der Wirklichkeit aber näherkommen, indem wir die zugrunde liegenden Annahmen realistischer gestalten“, beschreibt Stephan Leitner das Ziel seiner Forschung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (AAU).

Der Wirtschaftswissenschaftler arbeitet an Modellen zum Entscheidungsverhalten in Unternehmen und zu den Konsequenzen, die sich für dieses daraus ergeben. Im Vorjahr hat er sich habilitiert und wurde assoziierter Professor an der Abteilung für Controlling und Strategische Unternehmensführung an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften. „Traditionell wendet man in meinem Feld formal-analytische Modelle an“, erklärt der 37-Jährige. „Dabei geht man davon aus, dass jeder Entscheider in einem Betrieb rational handelt, über alle nötigen Informationen verfügt, diese uneingeschränkt versteht und darüber hinaus weiß, was die Zukunft bringen wird.“ Nur leider sei dieses Idealszenario eher praxisfern. „Es passieren nun einmal Fehler, wenn Menschen Entscheidungen treffen.“ Klassische Fallstricke seien etwa Überoptimismus, Selbstüberschätzung, Angst vor Veränderungen, gepaart mit dem Festhalten an einer bestehenden Situation, oder auch ein stärkerer Fokus auf mögliche Verluste als auf Gewinne.

„In der betriebswirtschaftlichen Forschung gibt es oft eine Lücke zwischen der Mikro- und der Makroebene“, sagt Leitner. „Erstere bezieht sich auf das individuelle Verhalten, etwa einer Managerin oder eines Managers, Letztere auf das Gesamtergebnis eines Betriebes oder auch einer Volkswirtschaft.“ Die Verbindung dazwischen werde aber noch wenig berücksichtigt. „Um sie besser zu verstehen, muss man unter anderem psychologisch richtige Annahmen in die wirtschaftliche Analyse einbeziehen.“ Pionierarbeit dazu habe etwa der amerikanische Verhaltensökonom Richard Thaler geleistet, der vor zwei Jahren den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis dafür erhalten hat.

 

Bessere Verträge durch Realitätsnähe

Zu diesem Brückenschlag zwischen ökonomischer und psychologischer Forschung möchte auch Leitner beitragen. Derzeit arbeitet er, von der Österreichischen Nationalbank gefördert, an Analysemethoden, die anhand dieses Ansatzes die Effizienz von Verträgen in alltäglichen Situationen steigern sollen. Da formal-analytische Modelle durch die Erweiterung um „weiche Faktoren“ schnell einen Komplexitätsgrad erreichen, der formal-analytische Lösungen nicht mehr zulässt, nutzt der Kärntner neue individuenbasierte Simulationsverfahren. „Damit kann ich das Verhalten mehrerer Entscheidungsträger modellieren, deren Lernfähigkeit einbeziehen und die Wechselbeziehungen zwischen Menschen einkalkulieren.“ So könne man die Auswirkungen persönlichen Verhaltens auf die Systemebene erfassen.

Auch wenn er an der Rationalität in Wirtschaftsmodellen rüttelt: „Ich wusste schon früh, dass ich ein Zahlenmensch bin“, lächelt der Forscher. Sein Interesse für betriebswirtschaftliche Themen wurde an der Kärntner Tourismusschule geweckt, an der er maturierte. Danach zog er neben der Berufstätigkeit in verschiedenen Unternehmen das Studium der Betriebswirtschaft durch und leitete vor dem Wechsel in die wissenschaftliche Karriere eine Abteilung für Rechnungswesen und Controlling. In die Forschung habe ihn dann die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung getrieben. „Es hat mir aber auch gefallen, dass an der AAU damals, vor zehn Jahren, ein Lehrstuhl mit dieser relativ neuartigen verhaltensökonomischen Ausrichtung etabliert wurde.“ Ausgleich bieten ihm das nahe Freizeitangebot am Wörthersee und gelegentliche Städtereisen.

ZUR PERSON

Stephan Leitner (37) hat an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (AAU) Angewandte Betriebswirtschaft studiert und war daneben durchgehend berufstätig. 2009 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der AAU, an der er 2012 in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften promovierte. Seit der Habilitation im Vorjahr ist er dort assoziierter Professor für Betriebswirtschaftslehre.

Alle Beiträge unter: diepresse.com/jungeforschung

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2019)