Renaissance des Barocks

William Turners Spätwerk „Landscape with Walton Bridges“ erzielte bei Sotheby’s 8,2 Millionen Pfund.
William Turners Spätwerk „Landscape with Walton Bridges“ erzielte bei Sotheby’s 8,2 Millionen Pfund.Sotheby’s

Bei der Altmeisterauktion in London erzielte Sotheby's das drittbeste Ergebnis der Sparte. Ungewöhnlich hoch war der Anteil an Barockmalerei.

Alte Meister, einst die Hauptumsatzträger des Kunstmarkts, fristen heute ein deutlich abgeschlagenes posthumes Dasein. Laut „Art Basel Art Market Report“ von 2019 ist der Marktanteil nach Wert im Vorjahr auf sechs Prozent geschrumpft. Europäische Alte Meister haben im Vorjahr einen Umsatz von 415 Millionen Dollar gemacht, das ist der niedrigste Wert in zehn Jahren. Doch nicht nur sinkendes Interesse, sondern auch bzw. vor allem der Mangel an qualitativ hochwertiger Ware sind für das Zehnjahrestief verantwortlich, schreibt die Kunstökonomin und „Art Market Report“-Autorin Clare McAndrew.

Wie schnell das Interesse steigen kann, wenn die Qualität stimmt, zeigt die Altmeisterauktion von Sotheby's in London diese Woche. Da wurden bei der Abendauktion gleich mehrere neue Rekordpreise bewilligt. Mit einem Umsatz von 56,2 Millionen Pfund war es das drittbeste Ergebnis der Sparte in der Geschichte des Hauses. Neben der Qualität der Lose gab es viel marktfrische Ware, was ebenfalls ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.

Rund die Hälfte der Erlöse kam von Arbeiten aus einer britischen Privatsammlung. Britischen Medien zufolge soll es sich um die Sammlung von Graham Kirkham handeln, Gründer des auf Sofas und Heimtextilien spezialisierten Möbelproduzenten DFS. Er ist ein profunder Altmeistersammler, der viele seiner Werke in den 1990er-Jahren erworben hat. Allein fünf seiner Werke trugen 26,3 Millionen Pfund zum Gesamtergebnis bei. Und das Interesse war im Vorfeld schon groß, gab es doch Medienberichten zufolge für alle fünf Werke Käufergarantien. Überhaupt war mit elf Garantien die Zahl der vorab verkauften und damit abgesicherten Werke ungewöhnlich hoch für eine Altmeisterauktion. Das kann aber auch nach hinten losgehen und sich bei der Versteigerung bremsend auf die Bieterlust auswirken.

Zu den herausragendsten Arbeiten in der Sammlung Kirkhams gehört „Die Versuchung der Heiligen Maria Magdalena“ von Johann Liss. Liss war ein deutscher, u. a. in Venedig und Rom tätiger Maler des 17. Jahrhunderts, der aufgrund seines frühen Todes nur ein kleines Œuvre hinterlassen hat und auch außerhalb eines gewissen Kreises an Connaisseuren kaum bekannt ist. Doch gerade „Die Versuchung der Maria Magdalena“ ist ein Werk, das mit neuesten künstlerischen Techniken des frühen 17. Jahrhunderts in Europa gestaltet wurde. Das New Yorker Metropolitan Museum of Art sicherte es sich mit einem Zuschlag von 4,8 Millionen Pfund. Damit wurde der letzte Höchstpreis von 991.500 Pfund aus dem Jahr 1994 vervierfacht.

Einen neuen Rekord erzielte auch Jusepe de Riberas „Mädchen mit Tamburin (Allegorie des Hörens)“. Es folgt der spanischen Tradition der Darstellung der fünf Sinne. Das neapolitanische Straßenmädchen mit dem Tamburin symbolisiert das Hören. Es wurde für fünf Millionen Pfund zugeschlagen und ging an den Garantiegeber. Der letzte Rekordpreis lag bei 3,4 Millionen Pfund für „Prometheus“ und wurde 2009 ebenfalls von Sotheby's erzielt.

Wieder aufgetaucht. Neuentdeckungen sind der Lebenssaft des Altmeistermarktes und immer Garant für Käuferinteresse. In dieser Auktion war es ein Werk des spanischen Barockmalers Diego Velázquez. Es handelt sich um ein Porträt der sogenannten Papessa (also Päpstin), Olimpia Maidalchini-Pamphilj. Sie war in zweiter Ehe mit dem Bruder von Papst Innozenz X. verheiratet. Da sie für viele Entscheidungen von Papst Innozenz X. unentbehrlich war, sprachen böse Zungen von ihr als Mätresse des Papstes. Viele sehen sie als frühe Feministin. Das Porträt befand sich einst in der Sammlung von Gaspar de Haro y Guzmán, eines spanischen Adligen, Politikers und profunden Kunstsammlers. Dann war es 300 Jahre verschwunden und ist erst vor ein paar Jahren an der Wand in einem holländischen Schloss, wo es seit den 1980er-Jahren gehangen war, wiederentdeckt worden. Es wurde bei Sotheby's in Amsterdam als Werk einer unbekannten holländischen Schule eingebracht. Doch die Experten entdeckten den Stempel auf der Rückseite, die den entscheidenden Hinweis auf die Sammlung von Gaspar de Haro y Guzmán gab. Letztlich konnten sie das Porträt erfolgreich als das verschollene Gemälde von Velázquez authentifizieren. Es ist eines von nur einer Handvoll Werken des Künstlers, die sich noch in Privatbesitz befinden. Leider ist es teilweise beschädigt, erzielte aber dennoch 2,5 Millionen Pfund. Der Schätzpreis lag bei zwei bis drei Millionen.

Ungewöhnlich stark war in dieser Auktion die Barockmalerei vertreten. Gemälde des 17. Jahrhunderts machten 40 Prozent des Umsatzes aus. In den vergangenen Jahren wurden die Altmeisterauktionen von Gemälden der Renaissance und Frührenaissance angeführt, während die dunklen Gemälde des 17. Jahrhunderts, die in den 1950er- bis 1990er-Jahren beliebt waren, aus der Mode kamen. Nun scheint der Barock eine Renaissance zu erleben.

Die zwei teuersten Werke der Auktion waren aber englische Landschaften von Thomas Gainsborough und von William Turner. Erstere erzielte sogar einen neuen Rekord für den Künstler. „Going to Market, Early Morning“ aus den 1770er-Jahren zeigt einen jungen Mann auf seinem Pferd, der erfolglos versucht, mit einer jungen Frau zu flirten. Bei einem Schätzpreis von sieben bis neun Millionen Pfund wechselte es für acht Millionen den Besitzer. Der bisherige Rekord lag bei 5,8 Millionen Pfund.

Das zweite Spitzenlos stammt vom Lieblingsmaler der Briten, William Turner. „Landscape with Walton Bridges“ ist ein Spätwerk des Künstlers und eine erste Andeutung an den ein paar Jahrzehnte später entstandenen Impressionismus. Das Gemälde befand sich einst in der Sammlung von Junius Spencer Morgan und später in einer japanischen Sammlung. Es erzielte 8,2 Millionen Pfund.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2019)