Ihr Diamantring – nun mit Lebenslauf und Pass

Wer hat diesen Stein poliert?
Wer hat diesen Stein poliert?Getty Images (Tristan Fewings)

Die globale Diamantenbranche kämpft seit Langem mit ihrem Image. Inzwischen stockt auch noch die Nachfrage. Grund genug, mit einer Datenoffensive zu reagieren. Die russische Alrosa macht den Stein zum Individuum.

Moskau/London/Wien. Haben Sie sich jemals gefragt, wo dieser funkelnde Stein an Ihrem Finger ausgegraben wurde? Oder wer ihn poliert hat? Und wo? Auf all diese Fragen will der weltweit größte Diamantenproduzent nun eine Antwort geben. Die russische Alrosa PJSC führt nämlich ein Programm ein, bei dem Schmuckkäufer die Geschichte ihres Diamanten anhand einer Identitätsnummer sowie Elektronik- und Videopässen nachverfolgen können. Mit dieser Initiative hofft das Unternehmen, die Nachfrage nach seinen Produkten zu steigern und diese auch für jüngere Kunden attraktiver zu machen.

Ganze Branche auf Imagepflege

Alrosa hat zunächst 2000 geschliffene Diamanten für das Programm ausgewählt, sagte Verkaufsleiter Jewgenij Agurejev dieser Tage gegenüber Journalisten in Moskau. Weltweit versuchen Diamantenminen und -einzelhändler neue Wege zu finden, um den Verbrauchern zu versichern, dass die von ihnen verkauften Steine frei von vielen negativen Assoziationen sind, die der Branche so lange zu schaffen gemacht haben. Der Sektor hat außerdem mit einer schwächeren Nachfrage nach Rohdiamanten zu kämpfen.

Im vergangenen Jahr stellte etwa De Beers, ein weltweit führender Produzent und Händler von Diamanten mit Sitz in Luxemburg, ein Blockchain-System vor, mit dem Diamanten auf ihrem langen und wenig transparenten Weg von der Mine bis zum Juweliergeschäft verfolgt werden können. Tiffany & Co. wiederum, ein international tätiges US-Unternehmen für hochpreisigen Schmuck und Edelsteine, sagte Anfang dieses Jahres, dass es die Herkunft seiner Diamanten den Verbrauchern bekanntgeben werde, um transparenter zu werden. Die Herkunftsregion oder das Herkunftsland werden für eine Auswahl der von ihm verkauften Diamantringe angezeigt.

Stein mit individuellen Daten

In Alrosas Programm hat jeder Stein eine Kennung, mit der der Käufer seine Geschichte auf einer Website nachverfolgen kann. Der elektronische Pass enthält die Bezeichnung der Region, in der der Stein abgebaut wurde, die Größe vor dem Schleifen, den Namen der Person, die ihn geschliffen hat, und sogar deren Berufserfahrung. Alrosa, der größte Diamantenförderer auf Karatbasis, wird dieses Service erstmals den Kunden seiner eigenen Schleifsparte anbieten und hat diese Option mit drei Kunden, unter anderem in den USA und China, besprochen, sagte Agurejev.

Globale Nachfrage stockt

Das russische Unternehmen plant außerdem, ab Herbst Diamanten über einen Online-Shop an Einzelhandelskunden zu verkaufen. Die weltweite Nachfrage nach Rohdiamanten ist heuer ins Stocken geraten. Käufer, die die Steine schleifen, polieren und handeln, haben Schwierigkeiten, bei den aktuellen Preisen Gewinne zu erzielen. De Beers teilte Anfang dieser Woche mit, seine jüngsten Verkäufe seien um 33 Prozent unter dem Vergleichswert vom Jahr zuvor. Auch Alrosa kämpfe mit ähnlichen Herausforderungen, sagte Agurejev. Das russische Unternehmen werde sein Verkaufsziel für 2019 von 38 Millionen Karat wahrscheinlich verfehlen, sagte er: Im Herbst allerdings könnte sich der Markt erholen. (Bloomberg/est)