Metastadt Wien: Selbstzweifel im Pop-Paradies

„Saying controversial things just for the hell of it“: Matthew Healy von The 1975, noch mit Sakko.
„Saying controversial things just for the hell of it“: Matthew Healy von The 1975, noch mit Sakko.Acoda Films

Die Metastadt Wien, das neue Open-Air-Areal im 22. Bezirk, erwies sich als ideal. The 1975 eröffneten es mit nur scheinbar glattem Pop und legten eine Lehre nahe: Brav ist das neue Schlimm.


Seids lieb“, steht auf einer Tafel im Hof der Metastadt, „helft euch gegenseitig. Bleibts leiwand. Diskriminierung, Rassismus, Sexismus oder Gewalt gehen gar nicht. Denn lässig is, wenns allen taugt.“

Nun könnte man fragen, warum die zweite Person Plural von „sein“ und „bleiben“ ein s bekommt, die von „helfen“ aber nicht, man könnte auch sonst über dieses Aviso spötteln. Von wegen gar zu nett und so. Tun wir's nicht. Denn, wie Nick Lowe schon 1974 in einem Song fragte: „What's so funny about love, peace and understanding?“

Keine Ironie also: Die Stimmung am ersten Abend in der Metastadt war wunderbar friedlich und freundlich. Das Gelände ist ideal für Freiluftkonzerte, erinnert an die Wiener Arena, nur geräumiger. Backsteinmauern, ein emblematischer Schornstein, große Bäume, alles da. Sogar Gleise. Ein paar Bänke mehr wären noch fein, aber man soll nicht unverschämt sein. Zu essen gab's, neben Burgern natürlich, Arancini, Schnecken (u. a. in der Geschmacksrichtung „geil“, mit Trüffel) und Insekten (z. B. Heuschrecken à la Barbecue und Mehlwürmer mit Ingwer), Letztere laut Speisekarte, „weil's gut für den Planeten ist“. Kurz: Alles paradiesisch.

Wie es in der großen Welt aussieht, erklärte der Two Door Cinema Club aus Nordirland derweil im Song „Are We Ready (Wreck)“: „I saw the world today, it comes in green and gray, refrigerator humming, chewing gum and instant karma.“ Sanfte Zivilisationskritik, gegossen in Melodien, die nie wirklich böse oder traurig sein können. Zu Disco-Pop-Rhythmen wie aus den Achtzigerjahren, ein bisschen weniger aufregend vielleicht. Aber so klingt halt das Gros der Musik, die sich heute noch unter Alternative Pop einreihen lässt.

Spannender sind The 1975, schon weil sie – zumindest ihr Sänger, Matthew Healy – irgendwie unsicher sind, dazwischen stehen. Healy, ein Wuschelkopf mit sympathisch verträumtem Auftreten, war eine Art Teen-Star, der aber nie gewusst hat, ob er das wirklich sein will, inzwischen sind seine Fans mit ihm gealtert, erliegen seinem Charme noch immer, schämen sich vielleicht ein bisschen dafür, was ihm wieder nur allzu bewusst ist . . . Auf der Metastadt-Bühne erschien er zur Freude des Berichterstatters im Sakko, hörte dann nach sechs Songs einen offenbar auf dieses gemünzten „Daddy!“-Ruf aus dem Publikum, worauf er zur wortreichen Erklärung ansetze: Es sei das erste Mal in seinem Leben, dass er Blazer und Jeans kombiniere! Es sei ja überhaupt so eine Sache mit dem Stil in der Popkultur, es gebe so viele Vorbilder. „Wir alle kennen Mick Jagger, wir alle wissen, wer Jim Morrison war. Es ist verwirrend . . .“

The 1975
Acoda Films

Was sagt man seinem jüngeren Ich?

Dann zog er das Sakko aus. „Love Me“ hieß der nächste Song, mit Zeilen wie: „Next thing you'll find you're reading 'bout yourself on a plane – fame, what a shame!“ Keine Frage, dieser Mann versteht sich auf Selbstzweifel, grübelt über seine möglichen Rollen. „I was 25 and afraid to go outside: a millennial that baby-boomers like“, sang er, der heute 30 Jahre alt ist, bereits im ersten Song, dem beinahe unverschämt hymnischen „Give Yourself a Try“, und fragte: „What would you say to your younger self?“
Nein, es gibt keinen naiven Umgang mehr mit der übermächtigen Tradition des Pop für dessen x-te Generation. Reflektierende Leute wie Matthew Healy wissen auch, dass der Gestus der Auflehnung, des protestierenden Individuums, der die Sixties beherrscht hat und im Punk – bereits in leicht hinterfragter Form – neu aufgekocht wurde, heute nicht mehr so funktioniert. Weil er Mainstream in einer Wirtschaftskultur geworden ist, die von jedem fordert, dass er (sich) ständig revoltiert. Das ist auch die Antwort an die alten Popkulturkritiker, die beklagen, dass der Pop ach so brav geworden sei. Kontroversiell formuliert: Brav ist das neue Schlimm.

„Saying controversial things just for the hell of it“, sang Healy in „Love It If We Made It“, einer auf vertrackte Art mitreißenden Nummer, die in der Feststellung mündet: „We're just left to decay, modernity has failed us.“ Die Moderne hat uns im Stich gelassen: Was für eine lapidare und zugleich niederschmetternde Pointe.

Ähnlich ambivalent: „I Always Wanna Die (Sometimes)“, von Healy als Eloge an seine Heimat in Manchester vorgestellt und mit grauen Bildern von dort illustriert. „Am I me through geography?“, fragte Healy, „a face collapsed through entropy.“

Und dann lächelte er wieder leicht verlegen. Seltsames, schönes Konzert. In einer schönen Gegend, in der alle lieb waren, und das war gut so.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2019)