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Alle Kreter sind Lügner

Oder: Sind wir alle Griechen?

Selbstversuche sind ein edles Unterfangen: Man erprobt ein Risiko zunächst an sich selbst, dann erst an anderen. Die meisten solcher Experimente (die Pockenimpfung, Freuds Kokainversuche, der Herzkatheter, der LSD-Trip)waren spektakulär, manche endeten letal.

Eindeutig nicht im Sinne des Erfinders endete ein Selbstversuch, den jüngst ein deutscher Journalist unternommen hatte: Er beschloss, 40 Tage lang einfach nicht zu lügen. Das Ergebnis war schmerzhaft. Als unser Tugendbold (Jürgen Schmieder, „Du sollst nicht lügen! Von einem, der auszog, um ehrlich zu sein“) der Gefährtin seines besten Freundes erzählte, dass dieser Affären mit anderen Frauen habe, wurde er von seinem (bis dahin) besten Freund verprügelt. Auch wenn der Autor übertreibt, indem er die Zahl der täglichen Lügen mit 200 angibt (da zählt vermutlich jedes „Guten Tag“ und jede Höflichkeitsformel „Mit freundlichen Grüßen“ dazu), steht eines fest: Gelogen wird seit Menschheitsbeginn.

Von Homers listenreichem Odysseus bis zu Richard Wagners Göttern, von Münchhausen, Pinocchio und Felix Krull bis zur Politik: Überall ist Lüge. Obwohl es der Mensch hasst, belogen zu werden, lügt er selbst, und zwar mit erstaunlicher Kreativität, List und Lust.

Allerdings kann man nicht alles, was landläufig „Lüge“ genannt wird, in einen Topf werfen: Zwischen einer Unwahrheit, mit der man seine Privatsphäre schützen will (Clintons „I did not have sexual relations with that woman“), und dem zynischen Lügenkalkül zur Auslösung von Kriegen („Seit 5.45Uhr wird zurückgeschossen!“) klafft ein himmelhoher Unterschied. Überdies sind notorische Lügner eher die Ausnahme.

Die Regel besagt, dass etwa die Hälfte der Unwahrheiten gesagt wird, um Konflikte zu vermeiden, ein Viertel aus Höflichkeit und „nur“ ein letztes Viertel die Absicht hat, das Gegenüber hinters Licht zu führen. Obwohl der Mensch lügt, ausnahmslos, urteilt er über Unwahrheiten in einem Bereich besonders hart: in der Politik. Hannah Arendt („Wahrheit und Lüge in der Politik“) konstatierte einmal: „Niemand hat je bezweifelt, dass es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist, niemand je die Wahrhaftigkeit zu den politischen Tugenden gerechnet. Lügen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes zu gehören.“

Wo aber beginnen, wenn alle lügen? Bei Dostojewski, dem feinen Psychologen, muss sich am Beginn der „Brüder Karamasow“ ein verstockter, alter Lügner von einem Staretz den folgenden Rat anhören: „Die Hauptsache ist: Belügen Sie sich nicht selbst. Wer sich selber belügt und seinen eigenen Lügen glaubt, der kann zuletzt keine Wahrheit mehr unterscheiden, weder in sich noch um sich herum. Er endet damit, sich selber zu verachten und alle anderen.“

Ein Satz fürs Tagebuch der Kreter, Griechen und Politiker. In meinem steht er auch.

Kurt Scholz war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2010)