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Uraufführung: Lustig wie auf dem Zentralfriedhof

(c) Wiener Festwochen
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Alvis Hermanis denkt bei den Wiener Festwochen über Totenkulte nach. „Kapusvētki“ ist eine musikalische Diaschau aus Riga, der die Dramatik fehlt.

In Mexiko-City, heißt es, sollte einmal vorgeschrieben werden, die Toten wegen Platzmangels senkrecht zu begraben. Daraus wurde nichts, denn die Hinterbliebenen protestierten; ausruhen könnten sich die Verstorbenen nur, wenn sie lägen. Mit solchen kleinen Geschichten, die durchaus berühren, hat das lettische Ensemble von Alvis Hermanis am Sonntag das Publikum bei der Uraufführung im Wiener Theater Akzent unterhalten. Nervenzerfetzend waren diese eindreiviertel Stunden nicht, der elegische Abschluss zu einem Zyklus, der mit „Langes Leben“ (2003) begann, passte eher in ein philosophisches Rahmenprogramm für einen ruhigen Kirchentag.

Der innovative, mit Reichtum und Verknappung des Ausdrucks raffiniert spielende Regisseur, der in Wien bereits eine Reihe gelungener Inszenierungen gezeigt hatte, wandte sich diesmal kurz den Totenkulten zu – erst ein Vorspiel mit Eigenheiten von Wien, die der wunderbare Gundars Ābolinsauf Deutsch vortrug, abschließend jene von Mexiko, im großen Mittelteil jedoch wurden die Bräuche Lettlands auf Lettisch (mit deutscher Simultanübersetzung) erzählt. „Kapusvētki“ bedeutet Friedhofsfest, das ist eine baltische Spezialität, ein Relikt aus vorchristlicher Zeit, das in die neuen Bräuche integriert werden musste, weil es sich einfach nicht verdrängen ließ. Die Letten, so erfuhr man mehrmals, seien versessen auf das Totengedenken, in der Morbidität Mexikanern und Kakaniern offenbar ebenbürtig.

13 musizierende, erzählende Schauspieler vom Jaunais Rīgas Teātris, die lustvoll mit Blechinstrumenten spielten, als befänden sie sich in einem Fellini-Film, machten das Publikum mit der Friedhofsfolklore in Riga vertraut und sich selbst mit den Tücken der Blasmusik, die sie angeblich in einem Crashkurs in den vergangenen Wochen zu bewältigen gelernt hatten. Zumindest in dieser Hinsicht darf man behaupten: Sie ließen es richtig krachen, irgendwo zwischen Dur und Moll, Beethoven und „Yesterday“ (Arrangements: Jēkabs Nīmanis).

 

Familienpicknick zwischen den Gräbern

Im Hintergrund wurden bei diesem textlich besinnlichen und musikalisch groben Vortrag auf großer Leinwand Fotografien von Friedhöfen gezeigt. MārtinsGrauds hat sie gemacht, hunderte Aufnahmen bilden das Material für diese hochwertige Diaschau. Sie beschränkt sich nicht auf Grabsteine, Leichenzüge, Trauernde, sondern zeigt auch, wie lustig es auf Friedhöfen sein kann, nicht nur bei der jährlichen Treibjagd einst auf dem Zentralfriedhof, diesem makabersten Einfall im toten Wien, sondern bei Picknicks in Riga, wo zwischen den Gräbern neue Beziehungen geschlossen werden, und bei Volksfesten in Mexiko, wo gestorben und geliebt wird. Grauds Impressionen sind das eigentlich Theatralische an dieser Produktion, eine Charade, die, unterstützt von rauer Musik und lakonischen Storys, an der Grenze zwischen Malerei und Poesie eine Atmosphäre der Gelassenheit gegenüber den letzten Dingen entstehen lässt.

Schließlich, nach langen Sequenzen in Schwarz-Weiß und ein paar bunten Tupfern vom „Día de los Muertos“, landet man wieder auf dem Zentralfriedhof, der weit draußen an der Peripherie auf die Wiener lauert: Ein laubbedeckter Weg ist zu sehen, in leuchtendem, nassem Braun, wie zur Eingewöhnung. Und ein Grabstein: „Auf Wiedersehen“. In Wien, hatte sich Ābolins anfangs gewundert, sage eine Witwe auf dem Weg zum Friedhof: „Ich gehe meinen Mann besuchen.“ So viel Lebensnähe im Tod versetzt sogar Letten in ehrfürchtiges Staunen.

Bis 19. Mai im Theater Akzent, 20 Uhr.

www.festwochen.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2010)