Hausgeschichte

Wien, Innere Stadt: Das geheimnisvolle „Auge Gottes“

Das Haus "Auge Gottes" auf der Mölker Bastei.
Das Haus "Auge Gottes" auf der Mölker Bastei.Lichtbildkultur Martin Schlager

„Der dritte Mann“, enttarnt im Türbogen - diese Filmszene entstand 1948 in der Schreyvogelgasse 8/Mölker Steig 2. Nicht die einzige Besonderheit des Hauses, wie Architekt Jürgen Radatz bei dessen Renovierung entdeckte.

Schritte, ein dunkler Hauseingang, Stille. Anno 1948 wurde im Türbogen der Schreyvogelgasse 8 im gleichnamigen Film „Der dritte Mann“ enttarnt. In den Nachkriegsjahren ein grauer Ort für den Protagonisten Harry Lime, und nicht nur für ihn. Dennoch, das Haus hatte überdauert und entwickelte sich bald zum Highlight für Filmfans. Dem Gebäude selbst ging es weniger gut: Feuchtigkeit zog die Wände hoch, eine Dachgaupe war verloren gegangen, der Putz bröckelte.


Spätbarocke Ausbauzeit


„Innen war es bis auf die Feuchtigkeit aber in einem erstaunlich guten Zustand“, erzählt Architekt Jürgen Radatz von der Sanierung. „Der alte Fußboden im 2. Stock etwa war in die Jahre gekommen, aber im Prinzip tadellos erhalten“. Radatz renovierte das denkmalgeschützte Gebäude 2017 im Auftrag des Eigentümers, der Palmers AG – mit Restaurator Klaus Wedenig, Statiker Peter Kotzian und der Baufirma MH-Bau GmbH.
Einiges an Umbau hatte es ja schon erlebt, hält man sich an Paul Harrers Klassiker „Wien, seine Häuser“: „Bald nach der Türkengefahr 1683 entstanden zwei Basteihäuser, die aus je einer Stube, einem Kammerl, einem Boden und einer gemeinsamen Küche bestanden. Ab 1813 wurden sie in eines verbaut. Die Grundfläche betrug 116 m2, das Haus wies zwei Stockwerke auf, Schildname war ,zum Auge Gottes'.“ Andere Quellen sprechen vom dritten Viertel des 18. Jhdt. als passende Umbauzeit und Entstehung der spätbarocken Fassade.

1864 gelangte je ein Viertel des Hauses durch Stiftung an einen Blinden-Verein, an „den Verein zur Versorgung dürftiger Tonkünstler, den Verein zur Unterstützung aus der k. k. Irrenanstalt geheilt entlassenen hilflosen Personen und an die Spitäler der Barmherzigen Brüder und Schwestern“, hielt Harrer weiter fest. Später ging es an die Stadt Wien.


„Quelle“ im Keller


Das Erdgeschoß wurde durch Injektionen ins Mauerwerk und Bitumenbahnen über der freigelegten Gewölbedecke trockengelegt. Im Keller darunter entdeckte Radatz einen der Gründe für die Feuchtigkeit – nach starken Regenfällen kam dort Wasser, einem Bächlein gleich, durch die Wand zum Mölker Steig. „Das merkten wir, weil zwischenzeitlich ein Estrichboden eingezogen worden war, da stand dann das Wasser“, erzählt Radatz. „Im vorherigen Erdkeller konnte es versickern. Daher haben wir einen Teil des Estrichs wieder entfernt und mit Kieseln bedeckt“. Passenderweise ist hier die Waschküche untergebracht. Der zweite, trockene Kellerteil wird für Lagerräume genützt.
Saniert wurden auch die beiden Wohnungen im Erdgeschoß und im 2. Stock, der 1. Stock blieb bewohnt – „mit gutem Einvernehmen“, wie Radatz erzählt. In Erd- und zweitem Obergeschoß wurden je zwei kleinen Wohnungen gestaltet – möglicherweise ganz ähnlich der Basteihäuschen-Variante, aber natürlich mit eigener Küche und Bad.


Fantasie und Historie


Wobei sich die Mauern das Geheimnis um ihre teils ungewöhnliche Form bewahrt haben: Die rechte Erdgeschoßwohnung weist – als einzige – ein Gewölbe auf. Das hintere Drittel des Hauses ist wie ein durchlaufender (Gewölbe)gang konzipiert, im rechten Teil liegen ein ovaler Raum und das Stiegenhaus so nah beieinander, dass nur ein sehr schmaler Durchlass zur Küche bleibt. Rundherum: dickes Gemäuer. Wurden hier Festungsbauten an der mittelalterlichen Ringmauer weiterverwendet? Man darf durchaus fantasievolle Vermutungen anstellen – eine bauarchäologische Untersuchung wurde nicht durchgeführt.

„Unser Ziel war, historisch korrekt vorzugehen“, erklärt Radatz. „Zu bewahren, was an Bestand saniert und erhalten werden konnte, etwa die Fenster und einige Türen“. Das ergänzende Neue wie Küchen und Sanitär sollte dagegen auch neu aussehen – dezent und schlicht statt historisch (falsch) nachgeahmt. So wurde das Holzparkett nicht im Fischgrätmuster verlegt, „das kam in Wien erst viel später auf“, weiß der Architekt. Die Fenster wurden entsprechend dem historischen Bestand hellgrau gestrichen, der Farbton der Fassade in gebrochenem Weiß – mit Kalkfarbe. Auch die ehemalige Hausnummer – die Konskriptionsnummer 99 – wurde nicht weggeworfen: Sie ziert das Treppenhaus.

Zum Ort

Das Haus „Auge Gottes“ in der Wiener Innenstadt erhielt seine heutige Fassade im Spätbarock und bestand davor vermutlich aus zwei um 1690 erbauten Häusern. 2017 wurde es von Architekt Jürgen Radatz renoviert. Neue Eigentumswohnungen in der Inneren Stadt kosten zwischen 3489,5 und 15.745,6 Euro/m2, gebrauchte zwischen 3050 und 7724,8, Mietwohnungen zwischen 10,3 und 17,9 Euro/m2.