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Boateng schaltet Ballack aus: "Habe mieses Image"

(c) REUTERS (STEFAN WERMUTH)
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Kevin-Prince Boateng ist im Berliner Armenviertel aufgewachsen. „Dort wirst du Fußballer oder kriminell“, sagt er. Er wurde ein wegen seiner Härte berüchtigter Fußballer. Sein letztes Opfer heißt Michael Ballack.

Berlin. Vor anderthalb Jahren wäre Joachim Löw, der deutsche Bundestrainer, dem Deutsch-Ghanaer Kevin-Prince Boateng vielleicht sogar dankbar gewesen für dieses Foul. Da war Michael Ballack für ihn vor allem ein Problem: Der Kapitän hatte Löw öffentlich kritisiert, Deutschland befand sich im Zustand höchster anzunehmender Aufregung und intern wurde die Möglichkeit von Ballacks Rauswurf durchgespielt. Mühsam rang sich Löw zu einer Begnadigung durch – und muss nun doch ohne Ballack zur WM.

Dessen Verletzung nach einem Tritt von Kevin-Prince Boateng während des englischen Cup-Finales am Samstag zwischen Chelsea und Portsmouth (1:0) stellte sich gestern als Innenbandriss im rechten Sprunggelenk heraus – mindestens acht Wochen Pause. Wieder befindet sich Deutschland in höchster Aufregung, die aufgrund diverser anderer Baustellen im Team ohnehin schon düstere WM-Prognose droht ins Apokalyptische abzugleiten. „Unendlich traurig“, zeigte sich Fußballverbandspräsident Theo Zwanziger, „geschockt“ Löw. Der Bundestrainer bedachte aber schnell die weiteren Implikationen des Falls: „Ich bitte alle, Jerome Boateng in die Sache nicht hineinzuziehen.“

Reue am Montag

Kevin-Prince Boateng hat sich mittlerweile öffentlich beim DFB-Kapitän entschuldigt. Er zeigte sich am Montagabend in einem Bericht von "Sport Bild online" von Ballacks WM-Aus schockiert. "Es tut mir leid. Es war keine Absicht", sagte Boateng. "Ich komme einfach zu spät und treffe ihn voll. Es sah dumm aus."

Bruder spielt in DFB-Auswahl

Denn es war ja nicht irgendein Foul von irgendeinem Spieler. Kevin-Prince Boateng, 23, ist (Halb-)Bruder des deutschen Nationalspielers Jerome Boateng. Bis vor einem Jahr war er selbst deutscher Jugend-Nationalspieler. Er wuchs auf in Berlin, sein Großvater mütterlicherseits ist ein Cousin von Helmut Rahn, dem mythischen Siegtorschützen bei der WM 1954. Kürzlich entschied er sich jedoch, in Zukunft für Ghana, das Land seines Vaters, aufzulaufen. Weil er bei den Erwachsenen noch nie für Deutschland nominiert worden war, stand dem Seitenwechsel nichts im Wege.

Bei der WM steht er im ghanaischen Kader. Die Westafrikaner sind deutscher Gruppengegner in Südafrika. Und das Tackling an Ballack, es war verdammt hart.

„Das sah schon nach Absicht aus“, erklärte Ballack und sprach damit aus, was sowieso schon alle denken. Vaterlandsverräter ist noch eine der milderen Beleidigungen, denen sich Boateng in deutschen Fanforen seit Samstag ausgesetzt sieht. Er darf sich auf turbulente Tage einstellen, solche in etwa, wie sie der Argentinier Aldo Duscher erlebte, als er vor der WM 2002 in einem Champions-League-Spiel David Beckham umtrat, den Kapitän des Gruppengegners England. Britische Reporter belagerten wochenlang Duschers Haus in La Coruña und analysierten jede seiner Partien, um die Frage zu klären: Spielt der immer so hart oder steckte konkreter Vorsatz hinter der Tat?

Im Fall Boateng ist die Antwort relativ einfach: Der spielt immer so. Aus seinem halbjährigen Gastspiel vorige Saison bei Borussia Dortmund etwa ist der Vorwurf des Bayern-Stürmers Miroslav Klose überliefert, Boateng habe ihn absichtlich verletzten wollen. Oder ein wüster Kung-Fu-Tritt mit anschließender Roter Karte gegen den Wolfsburger Hasebe. In nur 52 Bundesliga-Einsätzen für Hertha BSC Berlin, seinen Stammklub, sowie Dortmund brachte es Kevin-Prince Boateng zum unumstrittenen „bad guy“ des deutschen Fußballs. „Mir haftet ein mieses Image an“, weiß er selbst. Und sein schlechter Ruf beschränkt sich nicht auf den Platz.

Boateng ist in Berlin-Wedding aufgewachsen, einem Problemviertel der deutschen Hauptstadt, oder, in seinen Worten: „Heißes Pflaster. Da lebst du auf der Straße, da setzt sich der Stärkere durch.“ Da werde man Fußballer oder kriminell. Kevin-Prince wurde Fußballer, mit seinen Jugendkumpels Ashkan Dejagah, Chinedu Ede und Patrick Ebert schaffte er den Aufstieg in die Profimannschaft der Hertha – Jerome Boateng, der denselben Vater hat, aber bei seiner Mutter im bürgerlichen Stadtteil Charlottenburg aufwuchs, kam dazu. Sie nannten sich „Ghetto Kids“, sie fühlten sich stark, und Kevin-Prince war der Stärkste. Er hatte O-Beine und einen feinen Fuß, er galt als größtes deutsches Talent seit Sebastian Deisler. Aber er stand sich selbst im Weg. „Bei der Hertha habe ich mich oft benommen wie der letzte Assi. Ich hatte keinen Respekt, habe nie zugehört, mich mit Mitspielern geprügelt. Das ging gar nicht.“ Noch letztes Jahr soll er nächstens mit Patrick Ebert randaliert haben, das Verfahren läuft.

2007 wechselte er für acht Millionen Euro nach Tottenham – und drückte dort nur die Bank. Der weniger talentierte, aber disziplinierte Jerome wurde beim Hamburger SV Nationalspieler, Kevin-Prince musste beim englischen Tabellenletzten Portsmouth anheuern, um überhaupt zu spielen.

Vielleicht steht hinter seinen aggressiven Auftritten eine latente Wut über eine verpfuschte Karriere? Vielleicht folgte das Foul an Ballack wirklich dem Kalkül, den Deutschen ihren Kapitän wegzunehmen? Allzu wahrscheinlich ist es nicht. Wenige Minuten vorher hatte derselbe Ballack ihm während einer Rudelbildung eine Ohrfeige verpasst. Wie damals auf der Straße ging es bei dem Revancheakt wohl einfach nur darum zu zeigen, wer der Stärkere ist.

AUF EINEN BLICK

Michael Ballack fällt für die Fußball-WM in Südafrika (11. Juni bis 11. Juli) aus. Der deutsche Teamkapitän hatte sich am Samstag im englischen Cup-Finale bei einem Foul von Kevin-Prince Boateng verletzt. Eine Kernspintomografie zeigte am Montag den Grad der Verletzung: ein Riss des Innenbandes und ein Teilriss des vorderen Syndesmosebandes des rechten oberen Sprunggelenks.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2010)