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Die Gläser sind aufgereiht, es ist wieder so weit

Die Marillenernte hat begonnen und damit der herrlichste Wahnsinn des Sommers.

Irgendetwas ist los. Rund um den Kollegen ist eine Verschwörung zugange, gesenkte Stimmen, dann verlassen zwei kurz das Büro, danach bedankt sich einer überschwänglich. Tags darauf werden leere Steigen ausgetauscht. Es spricht sich trotz aller Vorsicht schnell herum. Die Marillen sind los, und der Kollege sitzt an der Quelle.

Er hat die beste Sorte, nicht die hochmütige, französische, die zwar hübsch ist und lang hält, aber nach nicht viel schmeckt. Er hat schon ganz marillenmüde Augen. Tagsüber arbeiten, danach Marillen ernten, Steigen bepacken, Kollegen beliefern, die sich mittlerweile in Schlangen anstellen. Einer hat sogar ganz frech um zwanzig Kilo gefragt. Und danach die Nacht durchgemacht. Marmelade, Kuchen, Knödel, für den Rest wurden die Eisfächer zwangsgeleert.

Auch in der Stadt sieht man vereinzelt Menschen, die volle Steigen wie ein Heiligtum vor sich hertragen. Wer jetzt noch keinen Dealer hat, sollte sich rasch darum kümmern. Auch in der Wachau hat die Erntezeit begonnen, und die Früchte werden nicht gleichzeitig reif. Verwandte und Freunde aus dem Westen melden sich plötzlich zum Besuch an. Wer nahe bei Marillen lebt, ist derzeit sehr beliebt. (Für Neueinsteiger könnte die Marillenbörse interessant sein: wachauermarille.at).

Die Marille ist sensibel, Baum und Frucht, und wenn sie reif ist, verlangt sie sofortiges Handeln. Die Freundin vor Ort ist wie jedes Jahr schon im Bermudadreieck zwischen Bäumen, Küche und Gefriertruhe verschwunden und beantwortet Fragen nur noch knapp mit: „Weißt eh, Marillen sind.“

Die Gläser für die Marmelade stehen aufgereiht wie Zinnsoldaten, sie sieht nur noch dieses leuchtende Orange, das man so wie das Lila des Lavendels nicht einfangen kann. Nur essen und riechen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2019)