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Marokko: Steinige Landschaft, reizvoll gefaltet

Im Anti-Atlas: So karg und trocken die Gegend erscheint, so ist sie doch bewirtschaftet und besiedelt. Rechts: der Agadir (Vorratsspeicher) Tasguent.
Im Anti-Atlas: So karg und trocken die Gegend erscheint, so ist sie doch bewirtschaftet und besiedelt. Rechts: der Agadir (Vorratsspeicher) Tasguent.Imago (Bruno Kickner)

In der kargen Bergwelt des Hohen und des Anti-Atlas lebt die Gemeinschaft der Berber, stehen imposante Speicherburgen und wachsen einzigartige Arganbäume.

„Tizi-n-Test 2100 Meter“ lautet die Inschrift auf der Passhöhe des Hohen Atlas. Das Souvenirgeschäft mit Mineralien hat geschlossen, das kleine Café ist zwar offen, aber leer. Es steht ja auch nur ein Auto auf dem Parkplatz, denn die meisten Touristen, die von Marrakesch über das Atlasgebirge südwärts fahren, wählen die besser ausgebaute Straße im Osten. Ein alter Mann nähert sich langsam, er spricht weder Französisch noch Englisch, dafür deutet er auf den Tresen und die Getränke dahinter: Selbstbedienung. Also werden die Limo-Flaschen „Hawaii“ selbst entkorkt, dazu gibt's köstliche Butterkekse.

Auf dem Flachdach des Cafés laden ein Tisch und zwei Sessel ein, den Ausblick zu genießen. Nach Norden in Richtung Marrakesch wellen sich rötliche Hänge mit grünen Tupfen, das sind riesige Kakteen oder Stechginster. Der Atlas ist die Wetterscheide, daher sind nach Süden die Berge trocken und kahl. Hier beginnt die Provinz Taroudant, besagt das Schild in arabischer, lateinischer und Berber-Schrift. Denn die Völker der Berber sind hier zu Hause, sie haben schon vor den Arabern Nordafrika bewohnt. Zurück ins Café: Der alte Mann versucht telefonisch jemand herbeizuholen, doch scheinbar hat niemand Zeit. Also den Preis schätzen und einen Geldschein hinhalten – er lächelt, die Rechnung stimmt.

In unzähligen Serpentinen führt die schmale Straße 1500 Meter steil abwärts. Steinschlag, Schotterstraßen und zerfallene Begrenzungsmauern lassen das Tempo reduzieren, vor allem aber gibt es so viel zu bestaunen. Gutes Marketing findet sich auch im Atlasgebirge, denn nach einigen Kurven verspricht eine blaue Holztafel: „Schone Aussicht – Bellevue – sehen Sie den Atlas – gut essen trinken – Terrasse panoramique.“ Zwei kleine vorbeifahrende Lkw haben keine Zeit fürs Panorama, denn auf ihren Ladeflächen stehen dicht gedrängt junge Männer. Hinter der nächsten Kehre fährt ein großer Laster in der Straßenmitte, er transportiert rote Gasflaschen, mit denen in ganz Marokko gekocht wird; sie sind in drei Etagen geschlichtet, hoch oben sitzt dann noch ein Mann im leuchtend türkisen T-Shirt, der fürs Beladen zuständig ist. Immer wieder tauchen im Nirgendwo Fußballfelder auf, Massen von Steinen wurden sorgsam auf die Seite geräumt, auf dem roten oder braunen Sand sind Ansätze von weißen Linien zu erkennen, als Tore rostige Eisenstangen.

Oase Tiout
Oase TioutImago

Leben in der Oase

Kaum in der Sous-Ebene angekommen, erhebt sich das nächste Gebirge, der Anti-Atlas. An seinem Fuße, in der Oase Tiout, vermietet Ahmed Zimmer. Das islamische Opferfest geht gerade zu Ende, seine Brüder waren mit ihren Familien zu Besuch, doch heute reisen sie ab, und so werden die Gästezimmer frei. Durch ein mit Berber-Symbolen verziertes Holztor geht es in den begrünten Innenhof, rechts das offene Wohnzimmer mit meterlangen Sofas – die Familien sind groß. Jetzt aber sitzen die Männer im luftigen Hof auf Teppichen, die Frauen daneben am Tisch – jene mit Rock und Bluse sind sichtlich die Verwandtschaft aus der Stadt, nur eine Frau ist verschleiert. Dazwischen spielen die Kinder Fangen. Die Gäste werden sogleich auf den traditionellen Minztee mit viel Zucker eingeladen, dazu gibt es selbst gebackene Kekse, die an unsere Weihnachtsbäckerei erinnern.

Die Verwandten verabschieden sich, und Ahmed schlägt einen Rundgang durch die Oase vor: „Hier wachsen 20.000 Palmen, jede Familie aus den sieben Dörfern rundum hat ihre Felder für Mais, Dattelpalmen, Klee und Orangen.“ Er spricht in einer Mischung aus Französisch und Englisch, auch ein paar deutsche Worte sind darunter – alles selber beigebracht. Damit seine Tochter und die zwei Söhne studieren können, möchte er im Tourismus Geld verdienen, denn der Anti-Atlas wird langsam von Bergsteigern entdeckt. Stolz zeigt er sein Abzeichen der Bergführerprüfung. Im Sommer aber hat es 40 Grad, da spaziert man besser im Schatten der Oase. Ein ausgeklügeltes Kanalsystem bewässert abwechselnd die Felder. Zwei Esel knabbern an den hellgrünen Kleeblättern – was für ein Kontrast zu der endlosen, kargen Geröllwüste, der flirrenden Hitze rundherum. „Zum Abschluss zeige ich den Pool“, verkündet Ahmed. Hat er sich jetzt versprochen, ein Pool in dieser trockenen Gegend? Doch da sind tatsächlich zwei riesige Badebecken, gespeist aus dem Wasser der Oase. Buben und Männer köpfeln begeistert ins kühle Nass; Mädchen und Frauen sitzen bekleidet am Rand, zwei kleine Mädchen schwimmen.

Auf einem Hügel am Rand der Oase thront die Kasbah, eine alte Festung der Berber mit ihren typischen Ecktürmen. Ahmed zeigt auf einen Baum, der gelbe Früchte trägt, ähnlich großen Oliven: „Das ist der Arganbaum, er wächst nur hier im Südwesten Marokkos. Aus den Früchten wird Öl gewonnen, die Berber haben es immer schon genutzt.“ In den letzten Jahren hat das Arganöl einen rasanten Aufstieg erlebt, als hochwertiges Speiseöl mit nussigem Geschmack und vor allem in der Kosmetikindustrie. Das Beste ist eindeutig das Berber-Nutella, ein klebrig süßer Aufstrich aus Honig, Mandeln und Arganöl. Von dem Boom profitieren lokale Kooperativen wie Taytamatine in Tiout, sie sichern den Frauen Arbeit und Einkommen.

Auf der Fahrt ins Gebirge des Anti-Atlas sieht man, dass auch Ziegen den Arganbaum schätzen. Akrobatisch klettern und balancieren sie auf den knorrigen Ästen, um die Blätter und Früchte zu ergattern. Bald führen lange Kurven durch eine staubtrockene Bergwelt, die wie zusammengeschoben wirkt. Riesige Falten aus Stein formen rosa, graue und braune Bögen. Kurz aussteigen für ein Foto, dann schnell wieder ins klimatisierte Auto. Dennoch stehen in diesen Steinwüsten einsame Zelte von Nomaden, oft nur aus zerschlissenen Decken, über krumme Äste gespannt. In der Nähe suchen Ziegen oder Schafe nach Futter im Geröll. Hier leben Menschen mit ihren Tieren, kaum vorstellbar.

Berberspeicher Agadir Tashelhit in Form einer Festung
Berberspeicher Agadir Tashelhit in Form einer FestungImago/robertharding (Michael Szafarczyk)

Archaische Vorratsspeicher

Nomaden aus dem Volk der Schlöh-Berber haben den Anti-Atlas seit Jahrhunderten bewohnt. Im Sommer sind sie mit ihren Tieren in höhere Gebiete gezogen. Damit ihre Vorräte im Tal sicher waren, wurde ein Agadir errichtet, ein Vorratsspeicher. Ähnlich einer Burg steht er auf einem Hügel, so konnten ihn wenige zurückbleibende Wächter verteidigen. Jede Familie hatte darin ihr eigenes versperrtes Kellerabteil.

Der Agadir von Tasguent liegt etwa 80 Kilometer südlich von Tiout. Laut Reiseführer gibt es zwei Schlüsselhalter, die beide aufsperren müssen. Das Telefonat mit einem der beiden endet nach komplizierten Wegbeschreibungen damit, dass die Gesprächszeit der marokkanischen SIM-Karte aufgebraucht ist. Also beim nächsten Haus im kleinen Ort fragen, doch der Schlüsselhalter sei noch eine Stunde beschäftigt, sagt man. Die Touristen könnten ja inzwischen Tee trinken? Ein Nachbar mischt sich ein und erklärt, der Agadir sei offen und ein Verantwortlicher oben. Ausgerüstet mit Wasserflasche und Sonnenhut geht es also, der Hitze entsprechend langsam, bergauf.

Oben wartet tatsächlich ein alter Mann, die Kappe tief im Gesicht, und wieder funktioniert die Zeichensprache. Bedächtig trägt er die Besucher in ein Buch ein und verkauft zwei Eintrittskarten. Rund 200 Speicherkammern wurden in mehreren Stockwerken übereinander geschichtet, der Zutritt erfordert Sportsgeist, man klettert über hervorstehende schmale Steinplatten in bis zu zehn Metern Höhe. Der gesamte Agadir ist aus Schiefersteinen gebaut, abenteuerliche Gänge und Brücken verbinden die oberen Kammern. Zuletzt zeigt der alte Mann auf einen Knochen mit kringeligen Schriftzeichen, das wertvollste Stück. Seine Erklärungen übersetzen zwei Marokkaner, die nun ebenfalls heraufgestiegen sind: Hier habe man Regeln der Dorfbewohner notiert; ein wertvoller Schatz von Tasguent, denn die Berber haben kaum schriftliche Aufzeichnungen gemacht. Vom höchsten Punkt des Agadir schweift der Blick über den Anti-Atlas: Steine über Steine. Doch dazwischen leben Menschen mit traditionsreicher Kultur.

Hinter den Mauern des Berber-Getreidespeichers Agadir Tashelhit Anti-Atlas-Gebirge
Hinter den Mauern des Berber-Getreidespeichers Agadir Tashelhit Anti-Atlas-GebirgeImago/robertharding (Michael Szafarczyk)

ROADTRIP DURCH GERÖLL UND SAND

Übernachtung: z. B. die Oasis de Tiout von Ahmed Jaafar. Weitere Quartiere direkt im Ort oder im rund 25 km entfernten Taroudant. Die Gastgeber in klei- nen Häusern nehmen sich gern Zeit für ihre Gäste.

Arganöl: Kooperative Taytamatine am Ortsanfang von Tiout; gemeinsame Seite aller Kooperativen: www.targanine.com

Lesetipp: Empfehlenswert ist „Südmarokko“ von Astrid und Erika Därr im Reise Know-How Verlag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2019)