Schnellauswahl
Pop

Trauma und Träume im Pop

Bittersüß: Lianne La Havas bei ihrem Auftritt beim Pohoda-Festival in der Slowakei.
Bittersüß: Lianne La Havas bei ihrem Auftritt beim Pohoda-Festival in der Slowakei.Pohoda/Michal Augustini

KritikLianne La Havas, Charlotte Gainsbourg, Liam Gallagher – sie alle zeigten beim Pohoda-Festival am Flughafen von Trenčin (Slowakei), wie Musik Verluste wegzaubern kann.

Fragen zu stellen kann smart sein. Zumal für Popmusiker, die häufig der Hybris erliegen, ihren Hörern die Welt zu erklären. Wenn die Britin Lianne La Havas „Is your love big enough for what's to come?“ singt, hinterfragt sie damit auch die Bedingungen ihrer eigenen Produktion: Hat sie genug Leidenschaft, um die Mühen der Ebene des Musikgeschäfts zu überstehen? Sie hat jedenfalls keine Lust darauf, nur zu posieren, sie will ein eigenes Werk schaffen.

Dieses ist bisher noch etwas schmal. Derzeit arbeitet die 29-Jährige an ihrem dritten Album. Ihre Stärke sind Liveauftritte, ihr Gesangsstil besticht durch das jähe Wechseln zwischen sensiblen und kraftvollen Passagen. Und so war sie auch beim Pohoda-Festival in einem Moment das Bambi im Scheinwerferlicht, im nächsten aber die selbstbestimmte Protagonistin mit Mut zur Liebe, gegen alle Hindernisse. „We all make mistakes“, sang sie fast euphorisch in „No Room for Doubt“. Trotz aller Glückseligkeiten ist das Leben ja eine Anhäufung von Verlusten. Einen besonders heftigen erlitt La Havas 2016, als ihr Förderer Prince starb. Im zart pulsierenden „Unstoppable“ erklärt sie, wie sie aus derlei existenziellen Schlägen gestärkt hervorgehen will: „I know it's taking the time to heal, we'll be unstoppable.“

Das Dünnhäutige, Kennzeichen ihrer Kunst, ist erstaunlich zäh. In „Bittersweet“ lobte sie Ambivalenzen in der Liebe, aber sie gefiel auch in der Pose der Romantikerin. Burt Bacharachs „I Say a Little Prayer“ sang sie ohne Angst vor Kitsch. Ihre selbst ersonnenen Liebesgeschichten sind im Vergleich komplexer und nur selten von einem Happy End gesegnet. Ausnahme war „Age“, wo sie humorvoll die Liebe zu einem älteren Mann lobte: „So is it such a problem if he's old? As long as he does whatever he is told?“

 

Oasis gibt es nicht mehr? Egal!

Dass er sich etwas sagen ließe, das käme für Brit-Pop-Monster Liam Gallagher nicht infrage. Bereits zur Begrüßung rief er mehrmals „Fuck you“. Man müsste schon „pretty green“ – so heißt sein Modelabel – hinter den Ohren sein, um davon überrascht zu sein. Dann sofort der Oasis-Klassiker „Rock'n'Roll Star“. Wie geht Gallagher mit dem Verlust seiner ursprünglichen Band um? Er nimmt ihn nicht zur Kenntnis. Gut die Hälfte der bei Pohoda präsentierten Songs stammten von Oasis. Besonders behagten „Slide Away“ und „Wonderwall“ Dabei schreibt Liam auch heute noch erstklassige Kracher. Das brandneue „Shockwave“ fuhr entschieden besser in die Eingeweide als ein Oldie wie „Roll with It“. Immer noch faszinierend: die ergonomisch ungünstige Haltung, in der Gallagher seine Suadas ins Mikro bellte. Stets von links unten. Oft hatte er dabei die Arme hinterm Rücken verschränkt. Es war evident: Dieser Mann bereitet nicht nur anderen gern Schwierigkeiten, sondern auch sich selbst.

 

Im Bett mit dem toten Vater

Ganz anders die Pariserin Charlotte Gainsbourg. Bald 48, ist sie immer noch damit beschäftigt, ihre turbulente Kindheit als Tochter von Serge Gainsbourg zu verarbeiten. Schon der erste Song, „Lying with You“, berichtete Ungeheures: wie sich Charlotte, als sie ihren Vater tot im Bett fand, in ihrem ersten Schreck gleich einmal dazulegte.

Ihr aktueller Sound ist ein blubbernder Disco-Pop, der extrem französisch anmutete. Seine Kennzeichen? Exzessiver Gebrauch von modularen Synthesizern und heftig böllerndes Schlagzeug. Gainsbourg hauchte, fiepste und sang von archaischen Erfahrungen, ohne auf die Kraft der Melancholie zu setzen. Im Gegenteil: Sie kann traumatische Erlebnisse in jubilierende Sounds verwandeln. Selbst ein Text der lebensmüden Lyrikerin Sylvia Plath wurde als „Sylvia Says“ zur munter blubbernden Disconummer. „I shut my eyes and all the world drops dead, Sylvia says. I lift my eyes and all is born again, Sylvia says“: Das klang ganz nach dem magischen Denken, zu dem sonst nur Kinder fähig sind. Als sie noch ein Kind war, schrieb ihr Vater ihr einen Song namens „Charlotte for Ever“. Er wurde bejubelt. Größtes Highlight war aber das zerbrechliche „Lemon Incest“, das Charlotte als 14-Jährige mit ihrem Vater eingespielt hat. Damals war es ein Skandal, jetzt ist es ein schräger Evergreen.

Ein solcher ist auch Donald Byrds „Change“. Diesen und andere Raregroove-Klassiker zelebrierte die US-Hip-Hop-Band The Roots mit schier endlosen Gitarrensolos und Sousafon, einer Art XL-Tuba. Ihr Hit „The Seed” und Curtis Mayfields optimistische Soulhymne „Move On Up“ waren Höhepunkte einer rasanten Show, die ganz ohne Sample-Diebesgut auskam. Ein Labsal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2019)