Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Zum Nachhören: So waren Salome, Lohengrin und Hamlet

So sah „Lohengrin“ in Bayreuth 2018 aus: Ängstliche Chordamen erwarten Lohengrins Ankunft im Umspannwerk (Bühne: Neo Rauch, Regie: Yuval Sharon).
So sah „Lohengrin“ in Bayreuth 2018 aus: Ängstliche Chordamen erwarten Lohengrins Ankunft im Umspannwerk (Bühne: Neo Rauch, Regie: Yuval Sharon).(c) Enrico Nawrath/picturedesk.com
  • Drucken

KritikSpannende Festspielproduktionen aus Salzburg, Bayreuth und Bregenz.

Festspielkarten sind notorisch teuer und in manchen Fällen auch einfach nicht zu bekommen. Aber da wissen Opernfreunde mittlerweile Rat. Während sich die Kulturpilger über schlechte oder (wie in Bayreuth) nicht vorhandene Klimatisierungen ärgern müssen, können sie in alle Ruhe ihr Heimkino in Betrieb setzen und die Produktionen der vergangenen Jahre Revue passieren lassen. Auch der Sensationserfolg von 2018, die neue Salzburger „Salome“ in der Felsenreitschule, liegt seit Kurzem auf DVD vor.

Nicht alle Tage wird eine Aufführung allseits dermaßen in den Himmel gehoben wie diese. Da war, darüber gab es keine Diskussion, eine neue Salome-Darstellerin von Weltformat zu entdecken: Asmik Grigorian war über Nacht weltberühmt geworden. Der Vergleich mit dem Debüt Anna Netrebkos im Salzburger „Don Giovanni“ von 2002 lag nahe – griff aber vielleicht doch ein wenig zu hoch, denn die Grigorian hätte man zwei Jahre früher schon im Salzburger „Wozzeck“ entdecken können, bei dem sie sehr gut die Marie sang. Und das in einer Inszenierung in einem atemberaubend stimmigen Bühnenbild William Kentridges.

Richard Strauss: „Salome“
Richard Strauss: „Salome“(c) Unitel/Salzburger Festspiele

Nicht Berg, Strauss brachte den Sieg

Noch dazu an der Seite eines grandiosen Wozzecks, Matthias Goerne – diese Salzburger Trouvaille ist bereits vor Jahresfrist auf DVD gepresst worden. Nun also die „Salome“: Grigorians Bühnenpräsenz ist tatsächlich atemberaubend und wie ihr hell schimmernder, oft strahlender Sopran in den von Franz Welser-Möst entfachten philharmonischen Klangwellen aufgeht, darf schon als Ereignis bezeichnet werden.

Dann ist diese DVD auch noch für Verehrer des Bühnenkünstlers Romeo Castellucci interessant, der zu Richard Strauss' Musik ein dunkel-glühendes optisches Kontinuum entworfen hat, das seine Reize hat. Nur soll niemand erwarten, dass dieser sinistre Bilderbogen irgendetwas mit Oscar Wildes Tragödie zu tun hätte, die Strauss eigentlich vertont hat. Das sei als Warnung vorausgeschickt, für alle, die nicht nur nacherleben möchten, was Publikum und Kritik damals euphorisch gestimmt hat, sondern die auch noch „Salome“ sehen möchten. Zu hören ist sie allerdings.

Nicht ganz unähnlich das Bayreuther Pendant: Die Wagner-Festspiele eröffneten 2018 mit einer Neuinszenierung des „Lohengrin“, und da war mit Neo Rauch einer der meistdiskutierten bildenden Künstler unserer Zeit als Ausstatter am Werk: Eine Art Fantasy-Umspannwerk war da zu sehen, aber auch allerlei verschwommen wabernde Nebelszenarien im Mittelakt. Wie bei Castellucci erzeugte das Stimmung – wobei in Bayreuth mit Yuval Sharon immerhin auch ein Regisseur zugegen war, der in ein paar Arrangements auch die „Lohengrin“-Handlung zu verdeutlichen suchte.

Auch hier besticht die Musik, stand doch mit Christian Thielemann der Wagner-Dirigent par excellence am Pult. Den Titelhelden sollte Roberto Alagna singen, der sich für das Debüt aber zu wenig Zeit genommen hatte und kurzfristig absagte; so verirrte sich mit Piotr Beczała ein wirklich glanzvoller Gralsritter ins nebelige Szenarium. Er fand dort Anja Harteros, deren Elsa nicht ganz so herrlich tönte wie erwartet; und er wurde mit einem Widersacherpärchen konfrontiert, gegen dessen feindliche Energie auch die schönste Gralserzählung der Welt keine Chance hatte: Waltraud Meier und Tomasz Koinieczny haben gezeigt, dass es im Musiktheater wirklich nicht immer auf schöne Stimmen und sanfte Weisen ankommt: Ortrud und Telramund haben im Verein mit Thielemanns Bayreuther Orchester nach Mördergrubenherzenslust gewütet.

Wer einen „Lohengrin“ sucht, der mehrheitlich szenisch Ähnlichkeiten mit den Angaben im Textbuch aufweist, könnte auf die Aufzeichnung des Debüts Piotr Beczałas zurückgreifen (ebenfalls auf DG): Da sang der Tenor in der Semperoper an der Seite Anna Netrebkos, ebenfalls unter Thielemann und in einer Inszenierung von Christine Mielitz, die schon Kultstatus haben sollte . . .

Richard Wagner: „Lohengrin“
Richard Wagner: „Lohengrin“(c) Deutsche Grammophon

Wer sich der Gefahr falscher Bilder gleich gar nicht aussetzen möchte, hört lieber CDs. Für solche Skeptiker, die dennoch an der Erweiterung des Repertoires teilhaben möchten, hat Naxos zwei Jahre nach dem Video nun auch die reine Tonaufnahme der Bregenzer Festspielpremiere von Franco Faccios „Amleto“ in den Handel gebracht.

Franco Faccio: „Amleto (Hamlet)“
Franco Faccio: „Amleto (Hamlet)“(c) Naxos

Die Ausgrabung verdanken wir Anthony Barrese, der sie in den USA 2014 neu zur Diskussion gestellt hat. Die Bregenzer Intendantin schlug zu und zeigte diese „Hamlet“-Oper, zu der Arrigo Boito den Text gedichtet hatte, mit dem exzellenten Pavel Černoch. Man staunte über die dramatische Schlagkraft und die zum Teil in veristische Regionen vorausfühlende Musik. Faccio und Boito, damals noch Verächter ihres großen Zeitgenossen Verdi, sollten ja bald zu dessen wichtigsten Anwälten werden: Boito dichtete für den einst Bekämpften, Faccio wurde zum Uraufführungsdirigenten des „Otello“.

Sein „Hamlet“ war jämmerlich durchgefallen – und zumindest das war ungerecht.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2019)