Schnellauswahl

Almodóvar: „Mir tut das Altern nicht gut“

Der spanische Drehbuchautor und Regisseur Pedro Almodóvar spricht über den therapeutischen Charakter seines neuen Films „Leid und Herrlichkeit“ und seine Schwierigkeiten, in Würde zu altern. Außerdem verrät er, wie sein Alltag aussieht, wenn er nicht dreht.

Er hat Meisterwerke wie „Alles über meine Mutter“, „Sprich mit ihr“ und „Volver“ gedreht. Kommenden Freitag kommt Pedro Almodóvars neuer Film „Leid und Herrlichkeit“ ins Kino. Er erzählt darin die Geschichte des einst erfolgreichen, aber von zahlreichen schmerzhaften körperlichen Leiden geplagten Regisseurs Salvador (Antonio Banderas), der von Erinnerungen an sein Leben heimgesucht wird.

Sie reisen filmisch in Ihre Vergangenheit, stellen sich Ihrer Kindheit. Was trieb Sie an?

Pedro Almodóvar: Ich spüre die Melancholie des Älterwerdens, das Vergehen der Zeit. Die Zeit ist einer der Protagonisten des Films. Ich selbst kann heute anders auf meine Vergangenheit zurückblicken. Stiller. Bewusster.

Antonio Banderas spielt den alternden homosexuellen Regisseur, der unter chronischen Schmerzen und Einsamkeit leidet, mit viel Milde. Glauben Sie, dass homosexuelle Menschen einsamer sind als Heteros?

Nein. Einsamkeit gehört zur Natur des Menschen. Jeder kennt dieses Gefühl, es ist unabhängig von unserer Sexualität. Einsamkeit steht eher in Relation zum wachsenden Alter. Wenn man älter wird, funktionieren die Dinge nicht mehr so, wie man es gewohnt ist. Kunst hat auch viel mit Einsamkeit zu tun. Schreiben ist ein Akt der Einsamkeit. Kunst im Allgemeinen entspringt aus der Einsamkeit.


Spielten in Ihrem Leben Drogen eine Rolle?

Ich habe nie Heroin genommen. Aber ich hatte viel damit zu tun, in den Achtzigern nahmen viele Freunde um mich herum Heroin. Das Suchtproblem hier ist nur eine Folge von Salvadors konstanten Rückenschmerzen. Er ist kein Junkie, sondern hofft, seine Schmerzen mit Drogen zu bekämpfen. Er ist also eher ein Tourist in der Welt der Sucht. Wenn er mit 60 zum ersten Mal Heroin nimmt, weiß er genau, was er tut.


Wonach sind Sie süchtig?

Nach Filmen. Wenn ich nicht an einem Film arbeite, ergibt mein Leben keinen Sinn.


Können Sie sich erinnern, welchen Menschen Sie als Ersten begehrten?

Ja, sicher. Ich war damals acht, neun Jahre alt, so wie der junge Salvador, als ich mich in einen Schulkameraden verliebte. Damals konnte ich das Gefühl noch nicht in Worte fassen.

War diese Rückschau eine Therapie für Sie?

Rückblickend schon, ja. Die Entstehung des Films hat viel mit mir gemacht. Ich fühle mich heute deutlich besser und bin überzeugt, dass die intensive, auch teilweise schmerzhafte Beschäftigung mit den großen Themen meines Lebens eine therapeutische Wirkung hat.


Wie stark belasten Sie selbst physische Schmerzen?

Ich kenne die Herausforderung, ein Leben mit chronischen Schmerzen zu meistern. Treffen mit Freunden werden unerträglich, wenn es zum Beispiel keinen Stuhl gibt, auf dem ich schmerzfrei sitzen kann. Ich liebe das Theater und gehe hin, obwohl ich währenddessen Schmerzen bekomme. Dafür spare ich mir danach das Essen mit Freunden, einfach, weil ich den Schmerz nicht mehr aushalte.


Haben Sie sich mit den Jahren verändert? Werden Sie, sagen wir, weiser?

Also, ich sicher nicht. (lacht) Mir tut das Altern nicht gut. Es ist wie eine Krankheit. Ich gebe zwar mein Bestes, aber ich sehe mich jeden Tag ein kleines Stück dahinschwinden. Es ist nicht leicht, in Würde zu altern.


Wie sieht der Alltag von Pedro Almodóvar aus, wenn er nicht dreht?

Da gibt es eine Menge, was erledigt werden muss. Ich schreibe Drehbücher, gehe gerne ins Theater, die Oper und ins Kino. Wenn keine guten Filme laufen, sehe ich eben die schlechten. Ich lese viel. Außerdem zwinge ich mich dazu, spazieren zu gehen. Jeder einzelne Schritt kostet mich Mühe mit meinem kaputten Rücken. Ich mache das für die Gesundheit, nicht weil es Spaß macht. Und manchmal habe ich auch noch Sex. Zum Glück. Vielleicht etwas weniger als früher, aber ich bin sexuell noch aktiv.


In den vergangenen Jahren hat sich viel für die Gleichstellung Homosexueller getan, gerade was die Ehe betrifft. Was halten Sie davon?

Ich bin grundsätzlich gegen die Idee der Ehe. Aber jeder Mensch, egal, ob homo- oder heterosexuell, sollte heiraten und Kinder adoptieren dürfen.

Steckbrief

1949
wurde Pedro Almodóvar in Calzada de Calatrava in der spanischen Provinz Ciudad Real geboren.

1999
gelang ihm mit „Alles über meine Mutter“ der internationale Durchbruch als Filmemacher. Es folgten weitere höchst erfolgreiche Filme wie „Sprich mit ihr“, „Schlechte Erziehung“, „Volver“, „Fliegende Liebende“ und „Julieta“. Almodóvar stellt seine Filme traditionell bei den Filmfestspielen von Cannes vor, wo er auch schon mehrfach ausgezeichnet wurde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2019)