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Dem Exportkaiser geht die Luft aus

Schon seit dem Jahr 2010 sind Autos Deutschlands wichtigstes Exportgut.
Schon seit dem Jahr 2010 sind Autos Deutschlands wichtigstes Exportgut.imago images / Manfred Segerer

Deutschlands Ausfuhren werden heuer weit weniger stark steigen als 2018. Nicht nur China spielt für die Bundesrepublik eine bedeutende Rolle, sondern auch die USA.

Wien. In Europa exportiert kein anderer Staat so viel wie Deutschland. Daran wird sich zwar so schnell nichts ändern, doch das Wachstumstempo wird sich angesichts internationaler Handelskonflikte und politischer Unsicherheiten verlangsamen.

Konnte die Bundesrepublik ihre Ausfuhren im vergangenen Jahr noch um drei Prozent steigern, wird man heuer mit deutlich weniger rechnen müssen. Der Präsident des deutschen Außenhandelsverbands BGA, Holger Bingmann, geht für 2019 nur noch von Plus 1,5 Prozent aus. „Neben dem Handelsstreit zwischen den USA und China und den Unwägbarkeiten des Brexits sorgt der Konflikt zwischen Washington und Teheran für zusätzliche Verunsicherung“, so Bingmann. Die Folge: Firmen hielten sich mit Investitionen zurück, bei Unternehmen gehen weniger Bestellungen ein.

Sorgen bereitet den deutschen Exportunternehmen dabei vor allem die Zunahme von Handelshemmnissen. „Dabei geht es nicht nur um Zölle, sondern auch um sogenannte nicht tarifäre Hemmnisse, zum Beispiel technische Vorschriften“, erklärt Bingmann. Gerade Letztere hätten stark zugenommen. Manche Länder würden auf diese Weise versuchen, ihre Branchen vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. „Wir sehen das mit Schrecken, für das Tagesgeschäft ist diese Entwicklung sehr belastend.“

Auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, räumte gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ ein, dass die Erwartungen im Auslandsgeschäft so niedrig sind, wie seit zehn Jahren nicht. Dies sei auch deshalb sehr ernst zu nehmen, da jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland von der Industrie abhänge.

Dass der von Donald Trump vom Zaun gebrochene Handelskonflikt mit China schon Spuren hinterlässt, konnte man erst in der vergangenen Woche sehen, als die Volksrepublik ihre Wachstumszahlen präsentiert hat.

Die Wirtschaftsleistung der Volksrepublik verbesserte sich im zweiten Quartal zwar um 6,2 Prozent – doch handelte es sich dabei um den niedrigsten Wert seit 27 Jahren. Im Süden Chinas, gern als Werkbank der Welt bezeichnet, haben bereits zahlreiche Fabriken ihre Tore geschlossen. Auch der Automarkt hatte im ersten Halbjahr mit empfindlichen Absatzeinbußen zu kämpfen.

In China sind im Juni zwar wieder mehr Autos verkauft worden – erstmals seit einem Jahr – doch ist das Wachstum durch Rabatte angetrieben worden, damit die Lagerbestände geringer werden. China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Im Vorjahr wurden Waren im Wert von rund 199 Mrd. Euro umgesetzt (Import und Export). China führte nicht nur so viele Güter ein, wie kein anderer Staat, es tat dies auch zum bereits vierten Mal in Folge.

 

Bewegung im Handelsstreit?

In der Exportstatistik wiederum führen die USA das Länderranking an. Das wichtigste Gut, das Deutschland in andere Staaten liefert, sind Kraftwagen und Kraftwagenteile – und das seit dem Jahr 2010. Als wichtigster Abnehmer gelten die Vereinigten Staaten mit einem Volumen von 27,2 Mrd. Euro. Umgekehrt wurden aus den USA lediglich Autos in der Höhe von 5,2 Mrd. Euro importiert.

Nicht zuletzt deshalb ist eine Einigung im europäisch-amerikanischen Handelskonflikt für Deutschland wichtig. Donald Trump hatte in der Vergangenheit eine deutliche Erhöhung der US-Autozölle angekündigt. Mitte Mai setzte er die angedrohten Sonderzölle auf Einfuhren von Autos aus der EU für ein halbes Jahr aus. Eine Entscheidung wurde bis November verschoben. Bisher verlangen die USA für europäische Autos 2,5 Prozent Einfuhrzoll, die EU kassiert zehn Prozent. Demgegenüber liegt der US-Einfuhrzoll für die so beliebten Pick-ups bei 25 Prozent.

Nun aber sind die Europäer nach den Worten von Deutschlands Bundeswirtschaftsminister, Peter Altmaier, zu weitreichenden Zugeständnissen bereit. „Wir haben uns bereit erklärt, die Zölle bei den wichtigen Industrieprodukten auf null zu senken“, sagte der CDU-Politiker der „Welt am Sonntag“. „Damit wäre auch der Vorwurf ausgeräumt, dass amerikanische Autozölle niedriger als europäische seien.“ (nst)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2019)