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Ist Österreichs Arbeitsmarkt für die nächste große Krise gerüstet?

Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Monika Merz über den Strukturwandel am Arbeitsmarkt.

Die Große Rezession ist zum Glück längst überwunden, und im Gegensatz zu vielen anderen Volkswirtschaften in Westeuropa ist die Wirtschaft Österreichs glimpflich durch diesen konjunkturellen Abschwung gegangen. Die Arbeitslosenquote, die zwischenzeitlich bei sechs Prozent lag, sinkt seit 2016 und liegt derzeit mit 4,9 Prozent (internationale Definition) auf einem Niveau, das dem vor Beginn der Krise 2009 entspricht. Auch das Bruttoinlandsprodukt, das auf dem Höhepunkt der Krise merklich eingebrochen war, ist schon 2012 auf den Pfad des längerfristigen Trendwachstums zurückgekehrt. Ist jetzt alles wieder im Lot?

Eine tiefgreifende Rezession kann eine Gelegenheit sein, um einen allfälligen Strukturwandel in der Wirtschaft zu vollziehen und diese für zukünftige Krisen resilient zu machen. Typische Beispiele dafür sind Spanien und Irland. Mit dem Platzen der Immobilienblase Ende 2008 wurden im Bausektor und in der Finanzwirtschaft viele Stellen dauerhaft abgebaut und insgesamt wenige neue geschaffen. Dadurch stieg die Arbeitslosigkeit rasant an, wovon in Spanien sehr viele jüngere Arbeitskräfte betroffen waren. Inzwischen hat sich die Arbeitslosenquote in beiden Ländern wieder auf das Vorkrisenniveau reduziert. Dem anhaltenden Beschäftigungsrückgang in den genannten Sektoren steht in Spanien ein merklicher Zuwachs im Dienstleistungsbereich gegenüber, der vor allem durch die innovationsträchtigen und konjunkturunabhängigen Bereiche Information und Kommunikation, aber auch vom Tourismus getrieben ist. In Irland verzeichnen neben dem Dienstleistungssektor auch das Verarbeitende Gewerbe einen relativen Beschäftigungsanstieg.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Wie wird der Strukturwandel in Österreich bewältigt? Sind Wirtschaft und Arbeitsmarkt hierzulande für die nächste Rezession gerüstet? Die Antwort scheint weniger klar zu sein, denn der Strukturwandel vollzieht sich nur langsam und schafft gerade dadurch potentiell erhebliche Konjunkturrisiken.

Während der Dienstleistungssektor nur ein Drittel aller Beschäftigten fasst und im internationalen Vergleich als ausbaufähig gilt, arbeiten traditionell mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in der Industrie oder im Produzierenden Gewerbe, und zwar vor allem im Maschinenbau und in der Automobilzulieferindustrie. Diese Industriestruktur birgt mehrere Risiken. Zum einen weist sie ein hohes Automatisierungspotential vor allem für Routinetätigkeiten auf. Die Ökonomen Daron Acemoglu und Pascual Restrepo vom MIT in Boston argumentieren jüngst, dass der Automatisierungsprozess in einer alternden Gesellschaft, wo auch Belegschaften altern und die Innovationskraft sinkt, forciert wird. (>>> zum Artikel)

Denn Alterung bedeutet, dass das Verhältnis von mittelalten, produktiven Arbeitskräften zu älteren, weniger produktiven schrumpft. Dadurch werden die produktiven Arbeitskräfte relativ teuer und es entstehen zusätzliche Anreize für Firmen, Routinetätigkeiten von Industrierobotern erledigen zu lassen.

Als Indiz für die zunehmende Automatisierung ist ein stetiger Rückgang der Lohnquote in den betroffenen Sektoren zu werten. Acemoglu und Restrebo argumentieren anhand von Daten für Deutschland, Südkorea und Japan, wo die Entwicklung und Anwendung von Industrierobotern im internationalen Vergleich hoch sind. Die Situation in Österreich ist der dort geschilderten sehr ähnlich: alternde Belegschaften in Industrie und Produzierendem Gewerbe gehen einher mit einer steigenden Automatisierung, was sich unter anderem in sinkenden Lohnquoten niederschlägt. Im Produzierenden Gewerbe ist sie seit 1995 von 67 auf 56 Prozent gesunken (siehe Grafik). Die Automatisierung hilft zwar einerseits, die Lohnproduktivität hoch zu halten. Andererseits setzt sie aber auch Arbeitskräfte frei bzw. verhindert die Neubesetzung von auslaufenden Stellen, was vor allem Junge trifft. Arbeitsmarktinstitutionen wie ein gesetzlicher Kündigungsschutz können diese strukturellen Anpassungsprozesse bestenfalls zeitlich verzögern, aber verhindern können sie sie nicht.*

Monika Merz

Automobilbranche in tiefer Krise

Zum andern haben das drohende Ende des Verbrennungsmotors und die starke Konkurrenz bei alternativen Antriebsformen aus Fernost die gesamte Automobilbranche samt Zulieferfirmen in eine tiefe Krise gestürzt. Hier ebenso wie im Maschinenbau ist ein struktureller Umbruch bereits voll im Gang. Die Automobilbranche muss merklich Stellen abbauen. Wenn dies nicht bald geschieht, wird der nächste konjunkturelle Abschwung höchst wahrscheinlich zu einem stärkeren Anstieg der Arbeitslosigkeit führen als während der letzten Rezession. Im Maschinenbau muss die digitale Revolution, die dort bereits begonnen hat, forciert werden, damit dieser international wettbewerbsfähig bleibt. Die Politik kann und muss diesen Wandel unterstützen, indem sie lieb gewonnene Institutionen überdenkt und viel stärker als bisher Innovationen in den Bereichen Digitales und KI fördert.

* Dies belegt eine empirische Studie von Wolfgang Dauth und Koautoren zu den Mechanismen, die den Auswirkungen von Robotern auf den Arbeitsmarkt in Deutschland zugrunde liegen.

Mehr:
>>> The Adjustment of Labor Markets to Robots (Wolfgang Dauth, Sebastian Findeisen, Jens Suedekum, Nicole Woessner)

Monika Merz ist Professorin für Makroökonomik an der Universität Wien. Sie ist Mitglied im CEPR, London. Sie gehörte von 2012 bis 2018 zu deren Experten, die den Konjunkturzyklus im Euroraum datieren. In ihrer aktuellen Forschung beschäftigt sie sich mit den ökonomischen Bestimmungsgründen der Zeitallokation von Paaren.

Monika Merz
Monika Merz

 

 

Der ökonomische Blick

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