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„Dolor y gloria“: Alles über Pedro Almodóvar

Erinnerungen an eine glückliche Kindheit: Protagonist Salvador Mallo als Bub (Asier Flores) mit seinen Eltern (Penélope Cruz und Raúl Arévalo).
Erinnerungen an eine glückliche Kindheit: Protagonist Salvador Mallo als Bub (Asier Flores) mit seinen Eltern (Penélope Cruz und Raúl Arévalo).(c) Studiocanal

KritikIn „Dolor y gloria“ schickt der spanische Regisseur ein mürrisches Alter Ego auf Gedächtnisreise. Ein autobiografisches Werk? „Autofiktion“, sagt Almodóvar. Selten war seine Wahrheitsdichtung so geerdet, undramatisch und glaubhaft wie hier.

Die Erinnerung klopft nicht an, sie tritt unaufgefordert ein. Selbst im Schwimmbecken. Dort, unter der Oberfläche suspendiert, hält Salvador Mallo (Antonio Banderas) innere Einkehr. Und findet sich plötzlich in seine Kindheit zurückversetzt. Ans Ufer eines Flusses, wo er als Bub seiner Mutter und ihren Freundinnen beim Wäschewaschen zusehen durfte: Lachende, singende Frauen im Sonnenlicht, wuselnde Fische im Wasser. Pures Glück.

Doch das ist lange her. „Leid und Herrlichkeit“ – so der Titel des neuen Films von Pedro Almodóvar (ab Freitag im Kino) – haben ihre Spuren hinterlassen. Am Rücken Mallos, eines renommierten Regisseurs, prangt eine unübersehbare Narbe. Seine trockene Erzählstimme listet die Wehwehchen auf, die ihn seit geraumer Zeit plagen: Physische und metaphysische Torturen, vom Tinnitus übers Lungenkeuchen bis zur Depression, verbildlicht als ominöse 3D-Grafiken.

Wie vergänglich und schwach sind das Fleisch und der Geist! Nur die Erinnerung, die bleibt hartnäckig. Jedes Musikstück, jeder Ort, jedes Gespräch wecken neue Madeleine-Momente, jede Begegnung weist Wege in die Vergangenheit. Ein Treffen mit einer alten Freundin führt Mallo vor die Tür Albertos (TV-Darsteller Asier Etxeandia als alternder Bad Boy), jenes Schauspielers, mit dem er ein Zentralwerk seines Œuvres realisierte, ihrer beider Durchbruch, unlängst von der Madrider Cinemathek restauriert. Anlass für Reminiszenzen und ein Scherflein Heroin, das den Ermüdeten noch weiter auf Gedächtnisreise schickt.

 

Das Luxuslamento eines Großkünstlers

Seit seinem erfolgreichen Cannes-Schaulauf im Mai spekulieren Cineasten, wie viel Autobiografisches in „Dolor y gloria“ steckt. Wie immer betont Almodóvar, er mache ausschließlich „Autofiktion“. Dennoch schienen Dichtung und Wahrheit bei ihm selten so nah beieinander zu liegen, das Fiktionale so geerdet, undramatisch und glaubhaft wie hier. Liegt es am unaufdringlichen Spiel mit der Selbstreferenz, an der Besetzung des Alter Egos mit Banderas, den Almodóvar entdeckte und der nach zwanzig langen Flegeljahren in Hollywood wieder verstärkt mit ihm dreht? In einer schönen, humorvollen Szene drückt sich ein zugedröhnter Mallo vor einem Publikumsgespräch, beantwortet Fragen per Smartphone-Liveschaltung aus Albertos Apartment. Die aufgeknöpfte Stimmung befördert Ehrlichkeit, Kritik, dann schlimmen Streit. Werden hier echte Wickel zwischen Regisseur und Star verarbeitet? Und ist Mallos gefährlicher Flirt mit diversen Suchtmitteln Bekenntnis oder nicht?

Eigentlich egal. Klar: Almodóvar selbst sieht „Dolor y gloria“ als Teil einer Trilogie mit männlichen Protagonisten und persönlichem Einschlag, die 1987 mit „La ley del deseo“ begann – sowie als implizite Weiterführung anderer Schwerpunkte seines Schaffens. Wie in „La mala educación“ besinnt er sich hier seiner Zeit als Priesterschüler, wie in „Todo sobre mi madre“ zollt er seiner Mutter (von Penélope Cruz als junge, von Julieta Serrano als alte Frau mit der gleichen liebevollen Schroffheit gespielt) Tribut. Manchmal hat die ausgestellte Melancholie auch etwas Selbstmitleidiges, wirkt wie das Luxuslamento eines gutbetuchten Großkünstlers (noch ist Almodóvars periphere Verwicklung in die Panama-Papers-Affäre nicht ganz vergessen). Doch die Gefühle schwappen nie über, und genau das berührt.

Ebenso wie die Details: Das Heft, in dem der 9-jährige Mallo (Asier Flores) Abziehbildchen von Liz Taylor und Kirk Douglas sammelt, die geweißelte Höhle mit Dachluke, in die seine Eltern und er in schweren Zeiten ziehen müssen („Ihr lebt in Katakomben, so wie die ersten Christen“, beschönigt eine Glaubensschwester die Umstände). Hier erfährt die Hauptfigur, als sie einen jungen Maler zufällig bei der Körperpflege beobachtet, ihre erste unschuldige erotische Erleuchtung. Später scheint diese mit einer verlorenen Liebschaft (Leonardo Sbaraglia) in Verbindung zu stehen, die dem älteren Mallo einen Überraschungsbesuch abstattet.

 

Antonio Banderas brilliert

Hier hängt alles zusammen, ist über unsichtbare Fäden eng miteinander verknüpft, ohne je konstruiert anzumuten. Das Almodóvar-Markenzeichen flächig-expressiver Farbdramaturgie, die selbst vor Toastern, Tabletten und Handy-Hüllen nicht haltmacht, liefert dabei im Verbund mit einem betörenden Klavier- und Streicher-Soundtrack von Stammkomponist Alberto Iglesias den ästhetischen Kitt. Bestes Requisit: Ein Poster zu einem alten Mallo-Film, mit einer Erdbeerzunge, die zwei rote Riesenlippen leckt.

Es geht um Spuren, die Menschen im Leben anderer hinterlassen. Um die unerwarteten Blüten, die intensive wie flüchtige Beziehungen selbst nach jahrzehntelangem Winterschlaf zum Keimen bringen können. Um die Trauer des Verlusts, die Suche nach Versöhnung und Medien des Gedenkens: Ein Buch von Roberto Bolaño, ein Lied von Pino Donaggio, ein skizzenhaftes Porträt aus der Feder einer alten Bekanntschaft. Und nicht zuletzt um die verschlungenen Pfade, die zur Entstehung von Kunstwerken führen.

Im Auge dieses stillen Sturms brilliert Banderas: Mürrisch und kränklich, leicht geknickt und eingeschnappt, Bart- und Haupthaar grau meliert – meilenweit entfernt von seinem früheren Image als Latin Lover und Zorro. Im Spiegel sieht er immer öfter einen dunklen Schatten seiner selbst – und letztlich nur ein Mittel, das ihn davor bewahren könnte, sich in diesen fahlen Doppelgänger zu verwandeln: Erinnerung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2019)