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Tanzen und Fußwippen zu Caetano Veloso

ImPulsTanz-Mitbegründer Ismael Ivo.
ImPulsTanz-Mitbegründer Ismael Ivo.(c) Katharina Fröschl-Roßboth

Ismael Ivos Balé de Cidade de São Paulo brachte beim ImPulsTanz Brasilien-Flair ins Burgtheater.

Wenn Caetano Veloso die Stimme erhebt, singen die Brasilianer mit – leise, lauthals oder, wie im Wiener Burgtheater, lautlos im Kopf, nur die wippenden Fußspitzen verraten es. Denn der bald 77-Jährige singt seinen Landsleuten seit Jahrzehnten aus der Seele – wegen der in seinen Liedern verpackten Kritik musste er in den 1960er-Jahren unter der Militärdiktatur sogar ins Gefängnis (gemeinsam mit seinem auch nicht unbekannten Mitstreiter Gilberto Gil). Welchen Stellenwert Veloso für die Brasilianer hat, zeigt sich auch anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Balé de Cidade de São Paulo: Zum Jubiläum der von ImPulsTanz-Mitbegründer Ismael Ivo geleiteten Compagnie choreografierte Morena Nascimento (einst Mitglied beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch) „Um Jeito de Corpo“ – ein Stück, das sich Velosos Schaffen widmet: Bunt, laut, chaotisch, amüsant, erschreckend und erotisch ist das. Und man ertappt sich dabei, plötzlich selbst mit den Fußspitzen zu wippen . . .

Die Tänzer wirken in den bunten, oft bis hoch über die Hüften gezogenen Höschen und transparenten Überwürfen, als kämen sie vom Strand. Manchmal laufen sie verspielt durcheinander oder werfen sich auf den Boden, als läge da eine Badematte – doch dann wieder kippt die Stimmung, Gegenwind zerrt an den Haaren, die leichte Bekleidung wirkt obszön, eine Frau wird Opfer sexueller Gewalt. Die farbenfrohen Gewänder kontrastiert ein Bühnenbild, das einen heruntergekommenen Hof zeigt – es ist ein gesellschaftliches Spannungsfeld, in das die mehr als 30 Tänzer ihr Publikum mitnehmen. Man betritt es freudig, spürt die Gefahren, die Fragilität – und will zu brasilianischen Liedern am liebsten einfach nur tanzen.

Ian Kaler: Ätherisch und cool

Geradezu ätherisch wirkt im Vergleich die elektronisch veränderte Stimme von Jam Rostron aka Planningtorock – und Ian Kalers Tanz in „O.T./Raw Practice“ ist zurückhaltend, konzentriert. Im Leopold-Museum schält sich der Performer langsam von der Wand, erforscht vorsichtig den Raum, fällt, robbt, zittert, nähert sich Rostron und wirkt an seiner Seite kurz gelöst. Es geht um Nähe und wortloses Verstehen. Verletzlich – und cool.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2019)