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Salzburger Festspiele eröffnet: "Kinder, sprecht weiter! Ihr habt Einfluss!"

Festredner, Regisseur Peter Sellars
Festredner, Regisseur Peter SellarsAPA/FRANZ NEUMAYR/LEO

Zur Eröffnung der Salzburger Festspiele mahnte Peter Sellars die Dringlichkeit der Weltrettung ein.

Was, wenn Mozart heute jung und ungestüm wäre? Würde er zur Tat schreiten wie Greta Thunberg? Oder den Plastikgöttern des toten Ozeans finale Oktette komponieren? Wir werden es nie erfahren. Dem Festredner zur Eröffnung der 99. Salzburger Festspiele, Peter Sellars, war nicht zum Scherzen zumute. Wie auch den anderen Rednern nicht (bis auf Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der zumindest den Schmäh nicht auslassen konnte, dass in zukünftigen Mythen – dem Generalthema der heurigen Festspiele – wohl auch die Geschichte von Helga (Rabl-Stadler) und Markus (Hinterhäuser) eingehen werde.
Die andauernde Aktualität des antiken Mythenschatzes aufzuzeigen – damit treten Festspielpräsidentin und Intendant mit der heurigen Programmierung von Oper, Theater, Konzert die nächsten Wochen (bis 31. August) an. Beginnend mit Mozarts „Idomeneo“ in der Felsenreitschule, bei dem Sellars Regie führt. Bei seiner Eröffnungsrede deutete er „Idomeneo“ als eine „Oper über das Meer“, münzte die Geschichte vom Vater, der den Sohn opfern soll, als taugliches Gleichnis für eine Gesellschaft, die auf Kosten der nächsten Generation die Umwelt zerstört, um.

Ein Appell nach dem anderen

Sellars jagte einen Appell nach dem anderen hinein in ein freundlich lächelndes bis schläfriges Publikum voller Entscheidungsträger, hinein in eine Gesellschaft, die sich seiner Meinung nach in eine „vollkommen falsche Richtung“ bewegt. Dabei müsse „mit Verantwortungsbewusstsein, Mut, Fürsorge, Intelligenz, Kreativität und Einsatzbereitschaft unser Ziel nichts Geringeres sein als eine neue Zivilisation, eine Zivilisation, in der das imperiale Denken keinen Platz mehr hat, in der das ökologische Bewusstsein die Maxime zu sein hat.“

Den 24-jährigen, „ungestümen“ Freimaurer Mozart nimmt er in dessen Umdeutung der blutigen Idomeneo-Geschichte zu einer friedlichen Machtübergabe an eine neue, junge Generation als beispielgebend auch für Heute. Schließlich kulminiere das Ende dieser „explosiven und revolutionären Oper“ im „spirituellen Höhepunkt“ des „ersten vollendeten Quartetts der Operngeschichte“. Ein Kunstgriff, so Sellars, der es möglich mache, gleichzusetzen: „Eltern und Kinder, Männer und Frauen, Herrscher und Bürger, Reiche und Arme, Einheimische und Flüchtlinge.“ Derart erschuf Mozart „ein vollkommen neues Geflecht aus Mitgefühl und Schmerz.“

Die Jugend!

Die Jugend sei es, die Sellars Hoffnung mache, dass endlich gehandelt werde, wofür „die Wissenschaft uns noch genau 15 Jahre“ gebe. „Heute, in diesem aufwühlenden Augenblick der Menschheitsgeschichte, geht die junge Generation mit Entschlossenheit und Idealismus auf die Straße. Kinder sprechen eindringlich mit ihren Eltern. Sprecht weiter! Ihr habt den größten Einfluss auf eure Eltern! Und Eltern, hört auf eure Kinder! Unsere Generation war die Generation der Imperien und der Konsumgesellschaft. Jetzt ist es an der Zeit, eine neue Generation engagierter, schöpferischer, fürsorgender junger Menschen willkommen zu heißen.“

Man kann nur hoffen, dass die in der Felsenreitschule anwesende Elternschaft es dem Nachwuchs ausgerichtet hat bzw. dieser den Samstag Vormittag bei der TV-Übertragung der Festspieleröffnung zubrachte. Auch den Künstlern wäre das zu raten gewesen, auch diese mahnte Sellars: „Und wo sind die Künstler? Viel zu lang haben sich nur bestimmte Stimmen zu Wort gemeldet, andere waren dafür eklatant unterrepräsentiert. Was für eine Erleichterung, dass wir nun endlich auch die Stimmen der Frauen, indigene Stimmen und Stimmen aus den Gegenden, in denen Umweltzerstörung mit Verletzung von Menschenrechten einhergeht, hören können! Kulturinstitutionen sind in Bewegung, haben aber noch einen langen Weg der Öffnung vor sich, um auf die Menschen zu hören, die aus Regionen kommen, deren Wissen und Erfahrung entscheidend für den Aufbau einer integrativen und repräsentativen ökologischen Zivilisation sein werden.“

Und weiter: „Prestige- und Machtdenken, patriarchalische Strukturen und Kriege haben unser Denken und unsere Welt über Jahrzehnte dominiert. Jetzt treten junge Menschen auf den Plan und schaffen Kunstwerke, die nicht mehr Objekte sind. Es sind Aktionen. In der neuen Zivilisation zählen Taten.“ Was der Bundespräsident nach weiteren Reden von Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer, Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein sowie einem Geigensolo der barfüßigen Patricia Kopatchinskaja schließlich beherzigte und die 99. Salzburger Festspiele für eröffnet erklärte. ?

(APA)