Festival La Strada: Begegnung mit der Endlichkeit

Matteo Lanfranchi mit dem roten Telefon, mit dem man Nachrichten für seine Hinterbliebenen aufnehmen kann.
Matteo Lanfranchi mit dem roten Telefon, mit dem man Nachrichten für seine Hinterbliebenen aufnehmen kann.(c) Gery Wolf
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Das Künstlerteam Effetto Larsen regt mit dem Projekt „After/Dopo“ zum Reflektieren über die verbleibende Zeit an.

„Denkst du darüber nach?“ ist die erste Frage, die der Raum stellt. „Über das, was nach dir ist?“ „After/Dopo“ heißt das aktuelle Projekt, mit dem Matteo Lanfranchi und sein Team Effetto Larsen im Rahmen des Festivals La Strada die Tennenmälzerei in Graz bespielen.

Ziegelwände, abgeblätterte Farbe, hie und da ein paar Löcher: Die Tennenmälzerei auf den Reininghausgründen sieht heruntergekommen aus. Doch im Inneren tut sich etwas. Effetto Larsen, das sind Roberto Rettura, Beatrice Cevolani, Laura Dondi, Isadora Bigazzi, Paola Villani und Matteo Lanfranchi aus Mailand, schaffen Raum für Reflexion. Schwarz geschriebene Fragen und Striche wechseln sich auf dem Boden ab, es sieht fast aus wie ein Zebrastreifen. Die Fragen führen ins nächste Zimmer und an das Thema heran: das Bewusstsein, dass das eigene Dasein ein Ende hat.

Matteo Lanfranchi ist Art Director der Gruppe, die es seit 2007 gibt. Weil es in Italien schwierig gewesen sei, als Theatergruppe auf Tour zu gehen, haben Effetto Larsen ihr Publikum dazu eingeladen, gleich zu Beginn des Projekts mitzuwirken. Das habe so gut funktioniert, dass sie sich ganz der partizipativen Kunst gewidmet haben.

Grauer Marmor, rotes Telefon

Werner Schrempf ist der Intendant und Geschäftsführer des Festivals La Strada und hat es sich zur Aufgabe gemacht, künstlerische Kreationen im öffentlichen Raum zu fördern. Jedes Jahr findet das steirische Festival eine Woche lang zwischen Innenstadt und Graz-Reininghaus statt. Schrempf hat Lanfranchi 2016 durch das Künstlernetzwerk In Situ, das von La Strada initiiert und mitorganisiert wird, in Stockholm kennengelernt.

Durch die Stationen von „After/Dopo“ führt ein Pfad, fast wie ein Lebenspfad. Bei einer Station lehnen rote Glas- und graue Marmorplatten an der Wand, das erinnert an einen Friedhof. Hier schreiben Teilnehmer auf, was sie hinterlassen werden. „Zu realisieren, dass wir nicht für immer hier sind, kann schon schmerzhaft sein“, sagt Lanfranchi, „aber nach den Workshops haben die Leute begonnen, über ihr Leben nachzudenken. Da haben wir gemerkt, dass der Pfad der richtige ist.“ Am Ende des Spiels muss immer Zeit zum Reden bleiben. Die einzige Regel: Jede Meinung ist gleichwertig. Über die Jahre habe es Lanfranchi immer wieder überrascht, wie viele Personen den Zeitpunkt ihres Todes am liebsten selbst bestimmen würden.

Sounddesigner Roberto Rettura hat ein rotes Telefon kurz vor Ende des Pfades so konfiguriert, dass es Anweisungen gibt, wenn man die Null tippt: Taste eins zum Aufnehmen einer Nachricht für Hinterbliebene, Taste neun zum Anhören. Null, eins und neun hätten eine bestimmte Tonfrequenz, die gut zusammenpasst.

Zum Schluss steht man auf einem Platz voller Blätter und Äste, den eigenen Lebenspfad kann man daneben auf schwarzes Papier zeichnen. Die Pfade kreuzen sich. „I'm here“ heißt die Station. Die Blätter – Roberto Rettura und Designerin Paola Villani haben sie in Graz gesammelt – findet man am Friedhof, aber auch im Wald. „Etwas Totes und etwas Lebendiges zugleich“, sagt Lanfranchi.

Jeder solle selbst entscheiden, wie er seine verbleibende Zeit nützen will, aber das Bewusstsein dafür sei wichtig, so Lanfranchi. Er jedenfalls habe seine Leidenschaft darin gefunden, mit verschiedensten Menschen zu kommunizieren – bei seinen Kunstprojekten, mit denen er zum Reflektieren anregen will.

Zur Person

Matteo Lanfranchi hat die Theaterschule Paolo Grassi in Mailand 2001 absolviert. Effetto Larsen heißt übersetzt „akustisches Feedback“. Dieses Feedback zieht sich laut Lanfranchi nun durch die ganze Arbeit des Teams, weil es dabei immer um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Bis 3. August kann jeder täglich von 15 bis 19 Uhr am Projekt in der Tennenmälzerei teilnehmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2019)


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