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Personifizieren Sie sich Ihnen!

(c) Peter Kufner

Wie österreichische Ämter mit ihrem Publikum verkehren. Deutsch für Inländer. Zwölfte Folge.

Regelmäßig im Sommer komme ich den Lesern mit diesem Sprachkurs für Fortgeschrittene. Es ist mir der Vorwurf gemacht worden, das sei nicht sehr originell und jedes Jahr mehr oder minder dasselbe. Das ist nicht zu leugnen. Ich rechtfertige die Sache aber damit, dass sie ein großes Echo in der Leserschaft der „Presse“ findet, die ein Interesse an der Pflege der deutschen Sprache in ihrer österreichischen Variante hat.

Hier also – unsystematisch wie immer – meine Beobachtungen:
Wir werden voraussichtlich ab Oktober die Formulare zur Verfügung stellen, um den Anspruch monatlich in der Lohnverrechnung geltend zu machen, schreibt eine Behörde. Warum stellt sie mir das Formular zur Verfügung, wenn sie selbst den Anspruch geltend macht? Gemeint war natürlich: . . . damit Sie den Anspruch geltend machen können.

Für Rückfragen vorab referenzieren Sie auf die Bearbeitungsnummer im Betreff. Diese Mitteilung verschickt die Energie Graz. Was könnte sie bedeuten?

FinanzOnline verlangt von mir, mich zu personifizieren. Ich versuche nun herauszufinden, was ich tun muss, damit ich für das Finanzamt eine Person werde.

Kommentare und Kommentarinnen, sagte Wolfgang Sobotka. Da kann man nur hämische Schadenfreude für den Nationalratspräsidenten empfinden. Es geschieht ihm ganz recht, wenn er unbedingt politisch korrekt sein will. Ist ein Kommentar von einem Journalisten verfasst und eine Kommentarin von einer Journalistin, oder hat es etwas mit dem Inhalt zu tun? Vielleicht ist Kommentarin ein journalistischer Beitrag, der sich mit feministischen Themen befasst.

Die Verwirrung bei den Possessivpronomina wird immer größer: Sie soll das muslimische Leben in Deutschland abbilden – samt ihrer Vielfalt und ihrem Facettenreichtum, schreibt das Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Das Leben ist sächlich, es müsste also heißen: samt seinerVielfalt und seinem Facettenreichtum.

Das sei Politik von seiner schönen Seite, lese ich bei einem von mir sehr geschätzten Kollegen. Die Politik ist weiblich (und das neuerdings in verschiedener Hinsicht), daher: Politik von ihrer schönen Seite. Ein Irrtum von Autoren besteht darin zu meinen, das Possessivpronomen richte sich nach der besessenen Sache, es richtet sich aber nach dem Besitzer. Die Wendung: . . . ob der Fidesz nach der Suspendierung ihrer Mitgliedschaft . . . ist daher falsch. Die Partei Fidesz ist hier männlich, es muss daher heißen: seiner Mitgliedschaft.

Der Rechnungshof in Gestalt ihrer Präsidentin (Ö1 Radio). Auch wenn der Rechnungshof einen weiblichen Präsidenten hat, so bleibt er doch männlich. Also: In Gestalt seiner Präsidentin. Die vierte Amtszeit Netanjahus nähert sich seinem Ende („Die Presse“). Die Amtszeit ist weiblich, daher ihrem Ende.

Vatikan klagt Tod von Migrant an US-Grenze an. An diesem Satz ist mehreres falsch: Wenn der Vatikan anklagt, dann müsste er jemanden für den Tod anklagen. Sonst muss er sich damit begnügen, den Tod zu beklagen. Falsch ist auch der Nominativ beim Migranten. Richtig müsste es lauten: von Migranten. Man muss nur das Wort deklinieren: der Migrant, des Migranten, dem Migranten, den Migranten. Derselbe Fall: Von Kollege getötet („Kleine Zeitung“). Von Kollegen getötet, wäre richtig gewesen.

Warum ein Ringkuss Video mit Franziskus viral ging. Haben Sie eine Ahnung, was dieser Satz der Kathpress bedeuten könnte?

So könnten die Bürger vor dem Machen ihres Kreuzerls sehen . . .(„Die Presse“). Diese Art von Substantivierung ist eine journalistische Unsitte. Dabei wäre es ganz einfach: So könnten die Bürger, bevor sie ihr Kreuzerl machen, sehen . . .

Falsche Illusionen. Gibt es richtige?

Krieg Dich ein, hörte ich eine junge österreichische Mutter zu ihrem Sohn sagen. Nur aus den Umständen merkte ich, was damit gemeint war. Müssen wir wirklich solche Wendungen aus Deutschland importieren?

Keine Wahl hat das Ergebnis gebracht,was vorhergesagt wurde.Dieses falsche Relativpronomen ist in Deutschland gang und gäbe, wurde jetzt aber zu uns eingeschleppt.

In Österreich sagt man auch, in die Schule gehen, und nicht zur Schule gehen, wie man immer häufiger lesen muss.

Die SPÖ ortete einen schweren Anschlag auf den Rechtsstaat und forderte dessen Rückzug aus der Regierung. Soll sich wirklich der Rechtsstaat aus der Regierung zurückziehen? Das steht nämlich da, obwohl gemeint war, Herbert Kickl solle sich zurückziehen.

So wechselte Neos-Stadträtin Barbara Unterkofler zur Volkspartei, die nun auf Platz 2 der ÖVP-Liste kandidiert. Wenn sie keinen gescheiten Kandidaten hat, muss die Volkspartei selbst auf der ÖVP-Liste kandidieren.

Die in den letzten Jahren dramatisch zugenommenen Gewaltdelikte. Hoffentlich hat die Dame, die das schrieb, nicht zugenommen.

. . . die ärmsten, ausgegrenztesten und schwierigsten Menschensind die Sorge der Vinzi-Gemeinschaft. Wenn es ums Gute geht, ist kein Superlativ zu groß. Kann man ein bisschen ausgegrenzt sein?Ausgrenzen ist überhaupt das Lieblingswort des Sozialjammer-Jargons, unter dem man sich alles vorstellen kann.

Weitreichendere Kompetenzen(„Die Presse“). Richtig wäre gewesen: Weiter reichende.

Die Chinesen haben eine Sonde auf der Rückseite des Mondes abgesetzt. Gemeint war natürlich die Hinterseite, aber das wird in Zeiten der politischen Korrektheit wohl als unschicklich empfunden.

Entsprechend unseres Verfassungsrechts. Unserem!!!

Die Landmark („Die Presse“) Wer nur hat uns dieses Wort eingebrockt?

Hochmut vor dem Fall, lese ich in einer Zeitung. Die bekannte Sentenz heißt aber: Hochmut kommt vor den Fall.

Die am wenig bekanntesten . . .Ohne Kommentar.

Der Dritte im Bunde spricht nicht mit einer Stimme. Womit sollte er sonst sprechen, wenn nicht mit einer Stimme?

An das muss sich gehalten werden. Gemeint war: An das muss man sich halten.

1912 wurde sich dann angesiedelt. Wer hat da eigentlich was gemacht?

Einer genießt schon mal adligen Beistand. Er geht schon mal lieber ins Bett. Das fällt schon mal unter den Tisch. Dergleichen kann man auch bei uns immer häufiger lesen. Ich möchte nur gern wissen, was das schon mal eigentlich bedeuten soll.

Sie bestand auf die Trennung. Richtig: bestand auf der Trennung.

Sehr oft anzutreffen ist: Der Koalitionsvertrag ist noch nicht unterschrieben und die Minister noch nicht vereidigt. Das Wörtchen sind nach Minister hätte gereicht, um den Satz korrekt zu machen.

Staatsanwalt fechtet Urteil gegen australischen Bischof an. –Konjugieren wir fechten: Ich fechte, du fichst, er ficht, wir fechten, ihr fechtet, sie fechten.

Das Mädchen stolperte über eine Stufe. Ihr Weinen übertönte den Priester. Das ist so traurig, dass selbst die Stufe weinen musste.

Der Autor

Hans Winkler war langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der „Kleinen Zeitung“.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2019)