Tiere als Beleg für Menschlichkeit im Mittelalter

Ikonografischer Beleg eines byzantinischen Schoßhundes (1362).
Ikonografischer Beleg eines byzantinischen Schoßhundes (1362).(c) Gemeinfrei/franz. Nationalbibl.

Der Byzantinist Andreas Rhoby kennt zahlreiche Belege dafür, dass Hunde schon im alten Byzanz treue Begleiter des Menschen waren, sogar als Blindenführhunde. Die Bedeutung der Hunde für die byzantinische Gesellschaft ging wohl weit über ihren praktischen Nutzen hinaus.

Mit dem Byzantinischen (oder Oströmischen) Reich assoziiert man Größe: eine Ausdehnung, die im sechsten Jahrhundert von Italien und der Balkanhalbinsel bis in den arabischen Raum gereicht hat, eine wirtschaftliche Kraft, die auf den gesamten Mittelmeerraum ausgestrahlt hat, die Bewahrung des Erbes der Antike und charismatische Herrscher – von Konstantin dem Großen, dem Gründer des heutigen Istanbul, bis zu Konstantin XI., der die Stadt und das gesamte Imperium 1453 an die Osmanen verloren hat.

All dies sagt jedoch für sich allein wenig über das Denken und Leben der oströmischen Bevölkerung aus. Um es zu erforschen, wählt der Byzantinist Andreas Rhoby einen ungewöhnlichen Ansatz: Er beschäftigt sich mit Quellen, die etwas über die Beziehungen der Menschen im Oströmischen Reich zu Tieren aussagen, insbesondere zu Hunden. „Durch solche Forschungen kann man das Menschliche in historischen Gesellschaften vielleicht besser erfassen“, sagt Rhoby, der am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie als Dozent an der Universität Wien tätig ist.

Hunde seien im Byzantinischen Reich omnipräsent gewesen. „Hinweise auf Hunde finden sich in schriftlichen Überlieferungen, in archäologischen Grabungen und in ikonografischen Quellen, das heißt, in Malereien oder Abbildungen von Handschriften. All diese Quellen lassen auf eine starke Präsenz von Hunden schließen“, so der Forscher. In Byzanz habe es sowohl Jagd- als auch Hirtenhunde gegeben, außerdem Showhunde, die mit Gauklern umherzogen und Kunststücke vollführten. Auch für Schoßhunde gebe es schriftliche, archäologische und ikonografische Belege. „Es gibt zum Beispiel eine schöne Illustration in einer Handschrift, die einen kleinen Hund zeigt, der neben einem Festbankett sitzt und um Essen bettelt (s. Bild, Anm.).“

 

Erster Text zu Blindenhunden

Eine ganz besondere Entdeckung ist eine Textstelle aus dem zwölften Jahrhundert, die als erstes schriftliches Zeugnis der Existenz von Blindenführhunden in Byzanz gelten kann. Der Verfasser des Textes beschreibt die Funktionen von Hunden und nennt zuerst den Jagdhund und den Hirtenhund. „Und die dritte Funktion eines Hundes ist jene, dass er einen Blinden führt“, heißt es danach. „Das lässt darauf schließen, dass solche Hunde damals nichts Außergewöhnliches oder Singuläres waren. Blindenführhunde hat es tatsächlich schon im Mittelalter gegeben“, sagt Rhoby. Abgesehen von diesem Text sei bisher nur eine Darstellung aus römischer Zeit bekannt, die vermutlich einen Blinden mit Stock und Blindenhund zeige.

Hundehalter waren sonst die Hirten. Der Wert, der Hirtenhunden beigemessen wurde, geht laut Rhoby aus Gesetzestexten hervor, die strenge Strafen vorgesehen haben, sollte einem Hund ein Leid zugefügt werden. Im aristokratisch-kaiserlichen Umfeld waren naturgemäß die Besitzer von Jagd- und Schoßhunden zu finden. Dass aber auch die gewöhnliche Bevölkerung einen Zugang zu Vierbeinern hatte, belegen Quellen, die von der Aufnahme streunender Hunde berichten.

Für die byzantinische Gesellschaft hatten Hunde allerdings nicht nur als reale Tiere eine Bedeutung, sondern auch als Metapher mit doppelter Bedeutung. Zum einen war und ist „Hund“ auch ein Schimpfwort, mit dem unter anderem der Feind bedacht wurde. Zum anderen steht das „Hündische“ für Demut und Devotheit. „Wir kennen beispielsweise an Aristokraten oder den Kaiser gerichtete Gedichte, in denen der Schreiber sich als Hund bezeichnet“, sagt Rhoby. „Damit will er sagen: ,Ich biete dir meine Freundschaft und meine Dienste an, genau wie im Verhältnis zwischen einem Hund und seinem Herrn.‘“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2019)