Druck auf die Biodiversität

Die notwendige Steigerung der Agrarproduktion bringt großen Druck auf die Biodiversität. Forscher denken daher intensiv über mögliche Auswege aus diesem Dilemma nach.

Die Landwirtschaft ist die wichtigste Kulturleistung der Menschheit – und gleichzeitig unser größter Eingriff in die Natur und in die Lebensbedingungen aller Organismen. Je intensiver die Landwirtschaft betrieben wird, umso größer ist der Druck auf die Biodiversität – und dieser wird weiter zunehmen: Laut Prognosen muss die Agrarproduktion bis 2050 um 70 bis 100 Prozent steigen, um die wachsende und wohlhabendere Weltbevölkerung mit Nahrung, Biomasse und Fasern zu versorgen.

Geschehen kann dies entweder durch eine Ausweitung der Agrarflächen (auf Kosten von Urwäldern) oder durch Intensivierung (zum Schaden von Lebewesen, die sich schon an Wiesen und Äcker angepasst haben). Eine Gruppe deutscher und tschechischer Forscher um Florian Zabel hat sich nun angesehen, was diese beiden Strategien für die Biodiversität bedeuten. Das Ergebnis überrascht, denn die Folgen sind regional sehr unterschiedlich: Eine Expansion der Anbauflächen bringt v. a. in Lateinamerika und Südostasien großen Druck auf die Artenvielfalt, eine Intensivierung hingegen eher in Afrika, Indien und China (Nature Communications, 28. 6.).

Die Auswirkungen auf die Natur könnten zwar durch regionale Anpassung der jeweiligen Strategien sowie durch nachhaltigere Produktionsweisen abgefedert werden. Doch in jedem Fall werden die Biodiversitätsverluste groß sein.

Allerdings könnte es Auswege aus dieser hoffnungslos scheinenden Lage geben – etwa durch ein Bremsen der Nachfrage durch eine Einschränkung des Fleischkonsums oder durch ein Vermeiden der derzeit riesigen Ernte- und Transportverluste. Das würde freilich grundlegende Verhaltensänderungen der Konsumenten bzw. gigantische Investitionen in die Infrastruktur erfordern – und solch drastische Schritte scheinen derzeit unmöglich.

Britische und deutsche Forscher um Peter Alexander machten indes kürzlich darauf aufmerksam, dass auch eine „Politik der kleinen Schritte“ erfolgreich sein könnte – und zwar dann, wenn gleichzeitig an allen Schräubchen gedreht würde: Laut einer Modellrechnung mit 29 minimalen Änderungen – wie z. B. zwei Prozent mehr Vegetarier, fünf Prozent weniger Ernteverluste oder der Ersatz von drei Prozent des Rindfleischs durch Geflügelfleisch – könnte der Flächenbedarf für die Landwirtschaft um glatt ein Fünftel gesenkt werden (Global Environmental Change, 57, 101932).

Dadurch könnte immerhin ein Teil der nötigen Ausweitung bzw. Intensivierung der Landwirtschaft abgefangen werden.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2019)