Joe Tossini: Hochmelodische Liebesblödigkeit

Joe Tossini and Friends: Lady of Mine
Joe Tossini and Friends: Lady of Mine(c) JT Records

KritikDer Italoamerikaner Joe Tossini singt so naiv über die Liebe, dass es fast schmerzt. Das Reissue von „Lady of Mine“ bringt zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken.

Sammler wissen es seit Langem. Einige der schönsten Musiken stammen aus semiprofessionellem Umfeld. Die grandiose Auswahl an Private Issue New Age Music, die das Doppelalbum „I Am The Center“ prägte, ist unvergesslich. Ähnlich verdienstvoll war die Wiederveröffentlichung der beiden obskuren Alben des Kanadiers Lewis Baloue, der kurioserweise kein Geld nahm für die Neuedition seiner in Musik gesetzten, butterweichen Heulereien seiner Jugend. Vielleicht genierte er sich ja im Nachhinein dafür.

Scham empfinden könnte auch Joe Tossini. Die sieben Lieder, die er 1977 komponiert, aber erst 1988 mit professioneller Band samt Backgroundsängerinnen aufgenommen hat, reflektieren eine veritable Lebenskrise. Die Mutter des Italoamerikaners, der eigentlich mit Inneneinrichtungen sein Geld verdiente, lag in Sizilien im Sterben. Er reiste an und erlitt prompt einen Zusammenbruch, der verhinderte, dass er beim Begräbnis dabei war. Zudem ging seine zweite Ehe in die Brüche. Depressionen, selbstzerstörerische Aktionen folgten. Einzig im Komponieren fand Tossini ein wenig Frieden.

Der ist immer noch spürbar: Auch nach Jahrzehnten strahlt Tossinis Album „Lady of Mine“ höchsten Charme aus. Kontrapunktisch zur rührend-patscherten Intonation Tossinis, der nicht über die allerbeste Singstimme verfügt, erfreuen exzentrische Saxofon- und Gitarreneinschübe. Schon in der ersten Nummer, „If I Should Fall in Love“, malt er den Teufel an die Wand. Aber Tossinis verwundetes Herz will sich von Cupido nicht mehr necken lassen. Jetzt müsste schon ein Engel von einer Dame kommen, damit er sich noch einmal auf etwas einlässt. Als dies passiert, geht es ruckzuck. Bereits im zweiten Song, „I'm in Love With an Angel“, ist Tossini in größten Gefühlen aufgelöst. „Be my lover, be my friend!“, fleht er im Windschatten eines unfassbar schwülstigen Saxofonsolos. Für die dritte und vierte Nummer wechselt er ins Italienische, denn da kann er seine überbordenden Emotionen besser ordnen. Schrumm-Schrumm-Orgel und die Wiederholung des Wortes „Sincerita“ lassen ahnen, worum es geht: um nichts Geringeres als die absolute Hingabe.

 

Ein radikaler Romantiker

Auf Seite zwei setzt sich allerdings schon Zweifel fest. Das zart pulsierende „Tomorrow May Never Come“ verweist auf die Flüchtigkeit allen menschlichen Glücks. Tossini fand zwei Jahre nach Aufnahme dieses herrlich naiven Albums die Liebe seines Lebens. 2015 nahm er „When You Love Someone“ auf, eine Sammlung von gefühlsschwangeren Instrumentals, die er seiner Frau Suzanne zueignete. Wer mehr darüber wissen will, dem sei „The Account of My Life“ empfohlen, die vor seltsamen Weisheiten strotzenden Lebenserinnerungen Tossinis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2019)