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Ein Stadtstrawanzer auf den Straßen Wiens

Straßenzüge, die auch in einem Weinviertler Dorf nicht unangenehm auffallen würden: Wien Alsergrund, 1903, Fechtergasse in Richtung Liechtensteinstraße.
Straßenzüge, die auch in einem Weinviertler Dorf nicht unangenehm auffallen würden: Wien Alsergrund, 1903, Fechtergasse in Richtung Liechtensteinstraße.Stauda, August / ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

Manchmal folgen sie Flussufern, dann wieder der Logik der Macht, dem Lineal der Stadtplaner und dem Diktat des Verkehrs. Sie biegen sich, schlängeln sich oder sind schnurstracks. Norbert Philipps Buch über die Adern Wiens, die Geschichte der Straßen.

Man erinnert sich in letzter Zeit wieder an ihn: an den Typus des Flaneurs, der bummelnd und schlendernd durch die Straßen seiner Stadt geht, anlasslos, ziellos, einfach seiner Neigung nachgebend, den Stadtraum zu erkunden und an interessanten Orten zu verweilen. Dann bleibt er stehen und verharrt, wenn etwas seine Aufmerksamkeit erregt. Die Geschäftigkeit der Leute irritiert ihn wenig, er hat nur nichts damit gemein. Er macht das auch auf die Gefahr hin, dass man ihn als seltsamen Kauz betrachtet. Das braucht ihn nicht zu kränken, er hat prominente Vorläufer, Charles Baudelaire, Walter Benjamin, Robert Walser. Für diese Art von Stadtwanderer gab es früher in Österreich den liebevollen Namen „Strawanzer“.

Wir müssen uns Norbert Philipp als begnadeten Strawanzer vorstellen. Der „Presse“-Journalist steht ganz in der Tradition der flanierenden Beobachter, er macht seine Augen und Ohren weit auf, wenn er durch die Straßen Wiens spaziert. Und er entdeckt visuelle Reize und atmosphärische Eigenheiten, an denen die Bewohner der Stadt achtlos vorbeigehen, vermengt sie mit seinem historischen Wissen und präsentiert uns in seinem neuen Buch das faszinierende Gewebe der Adern Wiens.

Zwischen den Häusern – dort ist Wien für ihn erst richtig Wien. Dort ist es auch unverwechselbar, findet man Charakteristisches, das es in anderen „Weltstädten“ nicht gibt. Der neugierige Flaneur muss nicht nach oben blicken wie bei den New Yorker Wolkenkratzern, Wien hat wenig hoch gestapelte Bauten, die Straßen sind keine Schluchten. Dicht gepflastert sind die Straßen mit überraschenden Geschichten, man muss sie nur zu entdecken wissen.

Natur als Stadtplaner.
Nicht immer waren die Straßenverläufe Wiens so eindeutig wie heute. Viele haben an dem Bild mitgepinselt. Man denkt zuerst an Stadtplaner, Philipp denkt zuerst an die Laune und Beharrlichkeit einer viel stärkeren Kraft als der des menschlichen Planungsgeistes: an die Natur. „Deshalb plätschern manche Straßen noch wie die Wienerwaldbäche, denen sie gefolgt sind. Deshalb heften sich manche an Kuppen wie die Mariahilfer Straße, stürzen Abhänge hinunter wie die Johnstraße oder die Ruckergasse oder schleichen durch Gräben wie die Liechtensteinstraße. Manche suchen die Ferne wie die Brünner Straße. Andere pflegen die Nähe wie die Josefstädter Straße.“ (Alle Zitate aus dem Buch.)