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Ein dissonanter Gruß aus dem fernen Sizilien

Das RSO, Jonathan Nott, Bratschist Tamestit und die Verwandtschaft zwischen Mahler und Berio.

In langen Reihen aufgefädelt begrüßte das RSO Wien sein Publikum diesmal in der Felsenreitschule. Die Musiker bildeten mit drei weit auseinander sitzenden, präzis aufeinander abgestimmten Schlagwerkern die Klangkulisse für einen Dialog zwischen Schellenklängen und einer Solobratsche, die sizilianische Volkslieder auf dissonante Art „singt“.

Der Beginn von Luciano Berios „Voci“ ist charakteristisch für dieses Werk, in dem der italienische Avantgardist Volksliedmaterial aus Sizilien dekonstruiert und transformiert. Dem Solisten werden dabei extreme Spielweisen abverlangt. Nun wird Antoine Tamestit, der nicht von ungefähr zu den Besten seines Fachs zählt, immer wieder für sein „Cantabile“ gerühmt. Er konnte es hier auf ganz spezielle Art hervorstreichen; unter Ausnützung seiner kompletten Bandbreite, hier gezupft, da auf unkonventionelle Art gestrichen. Die komplexe Partitur hat Tamestit offenbar ebenso verinnerlicht wie Dirigent Jonathan Nott, dem in Berios „Folk Songs II“ untertiteltem Werk vor allem präzise Koordination abverlangt wurde und der dem RSO Gelegenheit bot, seine Kompetenz für alles Zeitgenössische auszuspielen.

Der Dirigent gilt als ausgewiesener Experte für die Musik der vergangenen 100 Jahre und vor allem für die Musik Gustav Mahlers. Dessen „Erste Symphonie“ schien denn in der Folge auch keine eigenwillige Programmkombination zu sein. Berio und Mahler verbindet die Verwendung der Musik von der Straße und der Anspruch, die Schlucht zwischen U und E zu überbrücken.

 

„Bruder Jakob“ und seine Energien

Nott betonte im ersten Satz die ausgedehnte, langsame Einleitung und ließ das aus den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ entlehnte schlendernde Hauptthema einmal behutsam, dann aber auch eigenwillig durch die Instrumentengruppen wandern. Den folgenden Ländler legte er keinesfalls so derb an wie andere vor ihm. Er klang gleichzeitig schwelgerisch und verspielt. Doch erst in dem dritten, vom in Moll gefassten „Bruder Jakob“-Thema beherrschten Satz fand Nott zur gewünschten Intensität, agierte nun meist fein ziselierend, konnte aber gegen Ende der Versuchung nicht widerstehen, den großen Klangkörper doch hart an der Grenze zur Überzeichnung aufspielen zu lassen. Das Publikum reagierte begeistert.

Übertragung auf Ö1 am 16. 8., 19.30 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2019)