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Religiöse Verwirrung auf dem Campus

R. O. Kwon erzählt von einer fatalen Liebe, der Suche nach Halt und falschen Versprechungen.
R. O. Kwon erzählt von einer fatalen Liebe, der Suche nach Halt und falschen Versprechungen.Smeeta Mahanti

Die junge US-Autorin R. O. Kwon hat mit „Die Brandstifter“ ein beeindruckend aktuelles Erstlingswerk über die Sogwirkung von Sekten und über moderne „Rattenfänger“ geschrieben.

Was geht wohlhabenden und gebildeten Jugendlichen durch den Kopf, wenn sie im Namen eines Gottes morden? Wie ist es möglich, dass diese ausgeprägten Individualisten sich plötzlich widerstandslos dubiosen Sektenanführern ergeben?

Diese komplexen Fragen stellt die junge Amerikanerin R. O. Kwon in ihrem beeindruckend tiefgründigen Erstlingswerk „Die Brandstifter“. Das Buch beginnt mit der Katastrophe: Gebäude stürzen ein, Menschen sterben, eine Gruppe junger Leute sitzt auf einem Flachdach und stößt mit gefüllten Weingläsern an. Phoebe ist maßgeblich an der Durchführung des Anschlags auf die Abtreibungsklinik beteiligt. Retrospektiv versucht ihr Freund, der Student Will, zu verstehen, wie seine coole Phoebe zur radikal-christlichen Mörderin werden konnte.


Barfüßiger Prophet.
Er erzählt von seiner Beziehung zu der jungen Frau: Wie er sie bei einer Party auf dem Campus der Elite-Universität, die beide besuchen, kennenlernt. Wie er sich in die ausgelassene Studentin, die ihre Zeit am College vor allem mit Alkohol, Drogen und ausgefallenen Festen verbringt, leidenschaftlich verliebt. Und wie er nicht bemerkt, dass die extrovertierte und populäre Phoebe in Wirklichkeit ein zerbrechlicher, einsamer Mensch ist – mit einer traumatischen Vergangenheit und großen Schuldgefühlen.

Dann tritt der mysteriöse John Leal in das Leben der beiden. Dieser barfüßige Prophet – eine verstörende Präsenz auf dem schicken Campus – nähert sich Phoebe behutsam an. Er flüstert ihr zu, sie solle ihn doch kontaktieren, wenn sie ihr Leben nicht mehr verschleudern wolle. Leal weiß auch, was Phoebe so bedrückt: Die einst begabte Pianistin saß am Steuer, als ihre Mutter bei einem Autounfall starb, sie gibt sich die Schuld für deren Tod.

John Leal gibt vor, einen Gulag in Nordkorea überlebt zu haben. Er lädt Phoebe und Will zum Treffen seiner Sekte Jejah (auf Koreanisch „Unterwerfung“) ein, dort spielt Phoebe erstmals seit Jahren wieder Klavier. Während Will bald aus der Sekte austritt und Leal als Scharlatan entlarvt, frequentiert Phoebe weiterhin die Gruppe: Sie gerät immer mehr in deren Bann, die einst liberale Studentin nimmt an Demos gegen Abtreibung teil. Und sie zieht sich von Will zurück. Als er auf ihrem Rücken Narben einer Auspeitschung entdeckt, antwortet sie ausweichend.


Suche nach einem Glauben. Kwon erzählt die schrittweise Verblendung Phoebes so eindringlich, dass man das Gefühl hat, dem Mädchen begegnet zu sein. Ihre verzweifelte Suche nach Halt, erst bei Will, dann bei Jejah. Der Roman geht unter die Haut, weil er auf so vielen Ebenen treffsicher neuralgische Punkte berührt. Die Autorin schildert nicht nur die fatale Sogwirkung von Sekten. Kwon schreibt über das tiefe Bedürfnis nach einem sinngebenden Glauben – und den Verlust desselben. Will selbst ist ein ehemaliger fanatischer Evangelist, der von einem Moment zum anderen seine religiöse Überzeugung verliert – und mit der Leere hadert. Die Autorin sagte in einem Interview, sie selbst habe eine ähnliche Erfahrung gemacht und trauere heute noch wegen des großen Verlusts.

„Die Brandstifter“ erzählt aber vor allem von Will und Phoebe – ihrer zerstörerischen Beziehung, ihrer langwierigen Trennung. Und von der Einsamkeit inmitten der Party-Glitzerwelt auf dem Campus. Kwon zeichnet ein Sittenbild der Ivy-League-Colleges, einer „goldenen Jugend“ von oft psychisch labilen, reichen Kids. Die Autorin zerstört auch den Mythos der Meritokratie: Will, der aus armen Verhältnissen und mit einem Stipendium an die Uni kommt, verschweigt beides – sogar vor Phoebe. Denn er spürt, dass er als sozialer Außenseiter keine Chancen hätte. Seine größte Anstrengung besteht darin, sich eine neue Identität zu erlügen.

Kwon hat einen erschütternd aktuellen Roman über Manipulation, Verstellung und Täuschung geschrieben. Und über die Tatsache, wie moderne Rattenfänger à la John Leal auch in der angeblich aufgeklärtesten aller Welten – einer amerikanischen Elite-Uni – fruchtbaren Boden finden können.

Neu Erschienen

R. O. Kwon
Die Brandstifter

Übersetzt von
Anke Caroline Burger

Liebeskind
240 Seiten
20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2019)