Roberto Saviano: Der Clan der Kinder

Roberto Savianos neueste Erkenntnisse über die Mafia wurden nun verfilmt.
Roberto Savianos neueste Erkenntnisse über die Mafia wurden nun verfilmt.Getty Images

Seit der Veröffentlichung seines Buches „Gomorrha“ versucht die Mafia, Roberto Saviano zu töten. Der Journalist und Buchautor über kriminelle Netzwerke, das Leben mit der Angst und die triste Zukunft von Kindern in Neapel.

Seit dem Erscheinen seines Tatsachenromans „Gomorrha“ 2006 steht der Journalist und Schriftsteller Roberto Saviano unter Polizeischutz. Darin beschrieb er detailliert die Praktiken des organisierten Verbrechens und dessen Vernetzung mit legalen Wirtschaftsstrukturen und der Politik. Nun veröffentlicht er die neuesten Erkenntnisse über die Mafia: „La Paranza – Der Clan der Kinder“ startet in diesen Tage in den Kinos.

 

Ist es ein Irrtum, die Mafia ausschließlich mit Italien in Verbindung zu bringen?

Roberto Saviano: Es stimmt, dass es überall in Europa Mafia-Strukturen gibt, zum Beispiel in Deutschland, Frankreich oder Spanien. Aber die italienische Mafia hat die älteste Tradition.

 

Glauben Sie, dass es je eine Lösung für das Mafia-Problem gibt – ein Ende?

Nein, das halte ich für unmöglich, dafür ist die Mafia einfach zu effektiv.

Man kann höchstens das System schwächen, indem man bestimmte Dinge legalisiert, damit die Mafia damit kein Geld mehr verdienen kann. Europa macht es leider viel zu leicht, Geldwäsche zu betreiben. Jedes Land hat seine eigenen Schlupflöcher: Im Fall von Frankreich ist das Luxemburg, Deutschland hat Liechtenstein, Spanien hat Andorra. Darüber hinaus können alle europäischen Länder auf London zugreifen. Dort kann man Geldwäsche in großem Stil betreiben.

 

Warum haben Sie einen Krieg begonnen, von dem Sie wissen, dass Sie ihn unmöglich gewinnen können?

Es ist wohl eine Mischung aus Wut und Ehrgeiz. Ich spüre das Bedürfnis zu sagen: „Ihr könnt mich nicht zum Schweigen bringen!“ Ich habe auch das Bedürfnis, der Welt die Wahrheit zu sagen. Nun kommt auch noch ein politischer Kampf hinzu, denn keine Regierung will sich dieser Probleme wirklich annehmen. Auch in Deutschland ändert sich nichts. Man denke nur an Duisburg.

 

Sie meinen die sechs Mafia-Morde von 2007 vor einem italienischen Restaurant?

Man braucht schon ein Massaker, damit die Politik für ein paar Tage über die Mafia spricht.

 

Welche Story erzählen Sie in Ihrem neuen Film „La Paranza – Der Clan der Kinder“?

Dieser Film spielt im historischen Zentrum von Neapel. Im Vergleich zu anderen italienischen Großstädten ist Neapel noch stärker vom Volkscharakter geprägt. Es geht im Film nicht um eine Soziologie des verbrecherischen Neapels, sondern um die Jugend dort. Wir wollten erzählen, wie man im Zentrum der Gewalt aufwächst.

 

Wie sieht die typisch neapolitanische Kindheit aus, sobald sie mit der organisierten Kriminalität in Berührung kommt?

Neapel hat viele Gesichter, es ist eine Stadt voller Widersprüche. Viele Kinder gehen nicht zur Schule. Sie wachsen auf der Straße auf und wollen zu Geld und Macht kommen. Oft nehmen die Jugendlichen dazu die Abkürzung über die Pistole. Das Problem ist also keine Wunde unserer Stadt, sondern eine unserer Zeit.

 

Gibt es in der sogenannten Paranza auch Mädchen in Machtpositionen?

Nein, eher nicht. Ich habe noch kein Mädchen mit einer AK-47 auf einem Hausdach stehen sehen. Sie spielen aber eine Rolle in der Struktur, so wie man es von der starken Mutter in der Mafia kennt. Ein weiteres Problem ist, dass Mädchen oft sehr gut Bescheid wissen, diese Geheimnisse aber für sich behalten. Wenn wir auf die Camorra blicken, dann gibt es dort aber sehr wohl weibliche Anführer, die es geschafft haben, an die Spitze ihrer Organisationen zu kommen. Meistens sind es Schwestern oder Töchter von Camorra-Chefs. Grundsätzlich kann man sagen, dass Frauen in der Mafia weniger schießen, aber häufiger Management betreiben. Sie kennen sich auch gut mit den Finanzen aus.

 

Sie sind seit Jahren Zielscheibe der Mafia, geben daher kaum Interviews. Wie viel Angst bestimmt Ihr Leben? Wie sieht der Alltag unter diesen Morddrohungen aus?

Ich lebe unter ständiger Bewachung, ich habe immer zwei Menschen um mich herum, die auf mich aufpassen. Im täglichen Leben versuche ich so wenig wie möglich darüber nachzudenken, dass ich permanent von Polizisten und Bodyguards umgeben bin. Für die Filmfestspiele in Cannes wurde ich damals nur sehr kurz ins Land gebracht und musste danach sofort wieder abreisen.

 

Was ist Ihre größte Angst, Ihr persönliches Worst-Case-Szenario?

Dass ich noch sehr lang dieses Leben weiterleben muss, das ist meine größte Angst. Dass ich mich noch viele Jahre versteckt halten muss. Erstaunlicherweise habe ich keine so große Angst vor dem Tod. Mein Tod wurde schon so oft diskutiert und durchgesprochen, dass er sich surreal anfühlt. Als wäre es der Tod einer anderen Person. Die Last, die ich mit mir herumtrage, ist also nicht die Angst vor dem Tod, sondern die Angst vor einem Leben in ständiger Vorsicht und Abgeschiedenheit.

 

Würden Sie Ihren damaligen Roman heute noch immer verfassen?

Ich frage mich das jeden Morgen, warum ich das gemacht habe, und finde keine Antwort. Ich weiß nicht, ob es das wert war.

 

Sie sind heute 40 Jahre alt. Vergisst man je, dass man verfolgt wird?

Nein. Jeden Tag werde ich daran erinnert, dass ein Todesurteil über mich ausgesprochen wurde. Mich umgibt ein Klima des Misstrauens. Oft habe ich das Gefühl, dass die Öffentlichkeit mir geradezu vorwirft, immer noch am Leben zu sein. Sie meinen, dass ich schon längst tot sein müsste, wenn mein Leben wirklich so bedroht ist. Der Richter Giovanni Falcone sagte, kurz bevor er erschossen wurde: „In Italien bist du nur von Bedeutung und glaubwürdig, wenn du ermordet wurdest.“

 

Angeblich weigern sich sogar einige Airlines, Sie an Bord zu lassen, und Hotels und Restaurants müssen nach Ihrem Besuch auf Bomben durchsucht werden.

Nicht alle Airlines haben mich gesperrt. Aber viele haben Angst, dass eine Panik unter den Passagieren ausbricht, wenn mich jemand erkennt. In Hotels checke ich grundsätzlich unter falschem Namen ein. Oft hängt das auch mit der Frequenz der Morddrohungen ab. Es gibt Zeiten, in denen ein Anschlag wahrscheinlicher ist als in anderen. Normalerweise werde ich von zwei Wagen eskortiert, aber in Neapel waren auch schon mal sieben Autos in meiner Eskorte. Wichtig ist, dass ich unberechenbar bleibe. Manchmal übernachte ich in Hütten, manchmal in fremden Appartements. Es gibt keine Normalität.

 

Wie hat sich das auf Ihre Persönlichkeit ausgewirkt?

Wenn man unter so massivem Schutz steht, hat man kein Leben. Man ist praktisch tot, bis einem eine zweite Chance im Leben gegeben wird. Ich hoffe seit inzwischen 13 Jahren auf diese Wiedergeburt.

Steckbrief

Roberto Saviano wird am 22. September 1979 in Neapel geboren.

1980er. Savianos Vater, ein Arzt, versorgt ein Opfer der Camorra medizinisch. Als Warnung wird er dafür zusammengeschlagen. Das prägt den Sohn.

2006 veröffentlicht Saviano die dokumentarische Studie „Gomorrha“ über wirtschaftskriminelle Clans der Camorra in Neapel. Als Folge erhält er Morddrohungen und lebt seitdem unter Polizeischutz.

2008 wurde die Studie verfilmt, 2014 folgte eine TV-Serie.

2019 präsentiert Saviano seinen neuen Film, „La Paranza – Der Clan der Kinder“.