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Die Freiheit, anders zu denken

Die Landeshauptleute Günther Platter und Arno Kompatscher beim Tiroltag in Alpbach.
Die Landeshauptleute Günther Platter und Arno Kompatscher beim Tiroltag in Alpbach.(c) APA/EXPA/JOHANN GRODER (EXPA/JOHANN GRODER)
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Die Themen Freiheit, Sicherheit und Klimawandel prägten die Eröffnung des Europäischen Forums in Alpbach – gepaart mit biblischen Bildern.

Wenn wir einmal in eine Arche einsteigen und keinen sicheren Hafen mehr vorfinden, in den wir einlaufen können, dann wird man die Schuld höchstwahrscheinlich in der Vergangenheit suchen.“ Markus Bischofer bediente sich eines Bildes aus der Bibel, um auf die Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Der Appell des Alpbacher Bürgermeisters klang eindringlich – ebenso, wie das Leitthema des 74. Europäischen Forums Alpbach, das am gestrigen Tiroltag eröffnet wurde. Es lautet: „Freiheit und Sicherheit“. Zwei große Worte, so Bischofer, die eiligst mit Taten in Verbindung gebracht werden müssten. Denn: Die Gesellschaft habe es hier und heute in der Hand, Verantwortung für die Lebensumstände künftiger Generationen zu übernehmen. Ein Aufruf, den Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) umgehend aufgriff: „Alpbach ist ein Dorf, wo die Häuser, die Wiesen, die Almen gepflegt werden, wo die Tradition lebt.“ Aber: „Es wäre falsch zu meinen, dass es nur ein verträumtes Dorf ist, wo die Zeit stillsteht – hier spürt man einen Aufbruch“, der eng mit dem Forum verknüpft sei.

Letzteres nehme sich in diesem Jahr besonders des Klimawandels an, diskutiere Entwicklungen, suche nach Auswegen – und tue damit etwas, das auch im politischen Tagesgeschehen verstärkt Einzug halten müsse, so Platter: „In Europa und auch in Österreich müssen neue Wege gegangen werden.“ Konkret: Die ehemalige türkis-blaue Bundesregierung habe „eine ambitionierte Steuerreform über die Bühne gebracht“, die den Bürger entlasten solle. Das sei „richtig und gut, aber der nächste Schritt muss eine ökosoziale Steuerreform sein“, die umweltschädliches Verhalten belaste, umweltfreundliches entlaste.

 

„Ratio in den Vordergrund stellen“

In die gleiche Kerbe schlug Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP). Freiheit gehe stets mit einer großen Verantwortung einher, mahnte er, „denn ohne Verantwortung gibt es keine langfristige Freiheit“. Er hoffe, dass in Zeiten von Fake News endlich „die Ratio wieder in den Vordergrund“ gestellt werde. Es sei mit Sorge zu sehen, dass derzeit vielfach wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa zum Klimawandel – infrage gestellt würden.

Und nicht nur sie: „Bis vor wenigen Jahren noch wäre es für uns alle klar gewesen, dass die Grundlagen für Freiheit und Sicherheit – zumindest in Europa – außer Frage stehen“, und der Landeshauptmann zählte die Gewaltenteilung, Presse- und Meinungsfreiheit auf. „All diese Dinge, so glaubten wir, wären nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zur Selbstverständlichkeit geworden.“ Bedauerlicherweise sei man mittlerweile – auch in Europa – eines Besseren belehrt worden, sagte Kompatscher. Nämlich, dass es nicht mehr selbstverständlich ist, „dass die Freiheit immer auch die Freiheit des Andersdenkenden ist“.

Der Präsident des Forums, Franz Fischler, schwieg während der Ausführungen und ergriff erst nach dem Festzug auf dem Weg ins Congress-Centrum das Wort: Da wie dort würden Türen verschlossen, „nationalistische und rassistische Phänomene gefährden die liberale Demokratie“, warnte der ehemalige EU-Kommissar. Umstände, die ihn auch dazu bewegt hätten, das Forum „von einer Diskussionsplattform zu einem Inkubator“ weiterformen zu wollen, um an konkreten Auswegen zu arbeiten – ganz im Sinne des „Ehren-Alpbachers“ Sir Karl Popper, der einst gesagt habe: „Wir müssen für die Freiheit planen, nicht für die Sicherheit.“

Als letzte Festrednerin war am Sonntag die ungarische Philosophin Agnes Heller vorgesehen, die allerdings im Juli verstorben ist. Doch, wie Fischler anmerkte, hatte sie ihre Rede zwei Tage vor ihrem Tod fertiggestellt. Diesen Umstand wolle man nützen und – vor großflächig eingeblendeten Porträts der Holocaust-Überlebenden, die von Ungarns Kommunisten ins Exil gedrängt worden war – ihre Ansprache verlesen; eine Aufgabe, der der Philosoph Josef Mitterer nachkam.

Wie Bischofer zuvor, referenzierte auch Heller auf die Bibel, genauer gesagt auf das Buch Exodus, in dem die Rettung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei beschrieben wird. Ihnen sei, so die ungarische Philosophin, wie auch der Bevölkerung in ihrem Heimatland und anderen Staaten die „Freiheit zum Geschenk“ gemacht worden. Jedoch hätten sie sie nicht zu nutzen verstanden, sondern sich stattdessen in neue Abhängigkeiten begeben. Ähnliche Vorkommnisse seien auch heute, in der Moderne, zu beobachten: „Die Sicherheit unserer und aller folgenden Generationen hängt daher an unserer Freiheit, genauer gesagt daran, wie wir von unserer Freiheit Gebrauch machen.“

 

Zwischen „Leuchttürmen“

Eine Art Gebrauchsanweisung hatte am Vormittag auch der Salzburger Erzbischof Franz Lackner geliefert. Er hatte den „theologischen Schengenraum“ – die im Tiroler Bergdorf liegende Pfarrkirche Alpbach St. Oswald wird der Erzdiözese Salzburg zugerechnet – genutzt, um in der heiligen Messe auf die Wechselbeziehung von Freiheit und Sicherheit hinzuweisen: „Wir sind unterwegs auf hoher See und brauchen Orientierungspunkte.“ Und: Der eine Leuchtturm sei das Gewissen, das jeden Menschen einzigartig und frei dafür mache, „Ja zum Guten“ zu sagen – auch entgegen der Ansicht der Mehrheit. Hinter dem zweiten ortete Lackner „die Institutionen der Allgemeinheit“, zu denen er Menschenrechte und Religionsfreiheit zählt. „Diese Leuchttürme stehen sich gegenüber, sie bedingen einander.“ Und doch dürfe keiner von ihnen als absolut angesehen werden, erklärte Lackner.

AUF EINEN BLICK

Das 74. Europäische Forum Alpbach wurde am Sonntag im Zuge des traditionellen „Tiroltages“ eröffnet. Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) nutzte den Festakt, um Maßnahmen für den Klimaschutz einzufordern. Sein Amtskollege aus Südtirol, Arno Kompatscher (SVP), mahnte die „Rückkehr zur Ratio“ ein und spielte damit auf das Motto des Forums, „Freiheit und Sicherheit“, an. Dessen Präsident, Franz Fischler, warnte vor „nationalistischen und rassistischen Phänomenen“ in Europa, die die liberale Demokratie gefährden würden. Als letzte Rednerin war die ungarische Philosophin Agnes Heller vorgesehen, die jedoch im Juli verstorben ist – ihre Ansprache verlas daher der Philosoph Josef Mitterer. Das Forum dauert bis 30. August, insgesamt werden rund 5200 Teilnehmer erwartet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2019)