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Stiglitz: „Wir können den Krieg gewinnen“

Joseph Stiglitz
Joseph Stiglitz(c) Daniel Novotny
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US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz ließ bei der Eröffnung der Gesundheitsgespräche kein gutes Haar an seiner Heimat. Er sieht Demokratie, Bildung und Wissenschaft in Gefahr. Hoffnung gebe es trotzdem.

„Mit Geld kann man sich einen Arzt kaufen, aber keine Gesundheit“, heißt es in einem chinesischen Sprichwort. Wenn es nur so einfach wäre. Denn Wohlstand und Gesundheit sind sehr wohl eng miteinander verwoben. Davon erzählte auch US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz bei der Eröffnung der diesjährigen Gesundheitsgespräche in Alpbach.
Zunächst aber gab es einmal ein Aha-Erlebnis beim Betreten des Congress Centrums. Anstatt ordentliche Sitzreihen vorzufinden, musste sich jeder Besucher einen von verschieden Stühlen (oder Barhockern oder Schemeln) schnappen und sich selbst einen Platz suchen. Der „Popstar unter den Ökonomen“, wie Stiglitz vorgestellt wurde, nahm ganz am Rand auf rotem Samt Platz, die Aufmerksamkeit seiner zahlreichen Zuschauer hatte er dennoch sofort.

„Ungleichheit können wir am besten“

Der 76-Jährige scheint vom Forum Alpbach begeistert zu sein, schließlich reiste er bereits zum zweiten Mal in Folge an. In seiner Rede konzentrierte er sich auf die Ungleichheit, die vielerorts zugenommen habe: „Wir in den USA können Ungleichheit aber noch größer und besser. Und Ungleichheit in der Gesundheit können wir am besten“, sagte Stiglitz, der ordentlich gegen seine Heimat austeilte. „Die Gesundheitsausgaben pro Person sind in den USA doppelt so hoch wie in Österreich“, dennoch sei das US-Gesundheitssystem katastrophal. Die Forschung sei Weltspitze, dennoch sei die Lebenserwartung gesunken. Das liegt laut Stiglitz einerseits daran, dass zu viele Menschen keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben. Aber auch daran, dass – etwa durch teure Unis – der Zugang zu Bildung erschwert werde. Die sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich sei nicht nur ein „Desaster für die Gesundheit“, sondern auch für die Wirtschaft. Stiglitz: „Keine gesunde Gesellschaft bedeutet keine gesunden Arbeitskräfte und damit keine gesunde Produktivität.“

Joseph Stiglitz
Stiglitz mit aufmerksamen Zuhörern(c) Daniel Novotny

Amerika habe in den vergangenen Jahren eine dramatische Zunahme beim „Tod aus Verzweiflung“ erlebt. Stiglitz nennt Suizide, Alkohol und die Opioidkrise, die außerdem zahlreiche US-Bürger arbeitsunfähig machte. Ähnliches habe er lediglich einmal gesehen, nämlich in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. In den USA greife die Hoffnungslosigkeit um sich: „Die Idee des amerikanischen Traums gibt es nicht mehr“. Denn ein Aufstieg sei für breite Teile der Bevölkerung quasi unmöglich geworden. Während die durchschnittlichen Einkommen der amerikanischen Mittelschicht im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten seit 42 Jahren nicht gewachsen seien, seien jene der reichsten zehn Prozent „enorm gestiegen“.

Fruchtbarer Boden für Demagogen

Diese Situation habe einen fruchtbaren Boden für Demagogen wie Donald Trump bereitet, welcher mit seiner Politik die Grundfeste unserer Gesellschaft erschüttere. Nicht Reichtum einiger weniger sei nämlich die Basis für unseren Wohlstand, sondern Demokratie, Bildung und Wissenschaft. Vor 40 Jahren sei das Experiment Neoliberalismus angetreten, um „mehr Chancen für alle zu bieten“. Dieses Experiment ist für Stiglitz gescheitert. Nun liege es an der Politik, aber auch an der Zivilgesellschaft, wieder eine Balance herzustellen. Denn Ungleichheit, so der Ökonom, sei eine Entscheidung. Er zeigt sich daher auch überzeugt: „Wir können den Krieg gewinnen.“ Wie genau? Da verweist Stiglitz nicht ohne Augenzwinkern auf sein aktuelles Buch, das gleich nebenan im Congress Centrum verkauft wird. Und zur Freiheit hat er auch noch etwas zu sagen: „Die Freiheit einer Person ist die Un-Freiheit einer anderen.“

Österreichs Kurzzeit-Gesundheitsministerin Brigitte Zarfl ließ in ihrer kurzen Eröffnungsrede Sympathien für Stiglitz durchklingen. Sie lobte das engmaschige Sozialnetz in Österreich und mahnte gleichzeitig zu Solidarität, etwa bei der Diskussion ums Impfen. Nur weil Österreicher die Freiheit hätten, über Impfungen selbst zu entscheiden, hieße das nicht, dass sie keine Verantwortung haben. Zarfl: „Wir haben einiges zu verlieren, weil wir sehr viel haben.“