„Mehr Effizienz muss auch dem Patienten zugute kommen“

Klaus Markstaller, Leiter der Anästhesie und Intensivmedizin, MedUni Wien.
Klaus Markstaller, Leiter der Anästhesie und Intensivmedizin, MedUni Wien.Daniel Novotny

Bei der Digitalisierung hinkt die Medizin anderen Branchen hinterher. Derzeit befindet sie sich in einer Phase des Brainstormings.

Angesichts der zahlreichen Entwicklungen in anderen Bereichen wie dem Finanzwesen oder der Meteorologie hinkt die Medizin hinterher, sagt Klaus Markstaller, Leiter Anästhesie und Intensivmedizin an der MedUni Wien. Zwar gäbe es bereits einzelne Anwendungen, vor allem in der bildgebenden Diagnostik, die digitale Transition in der Medizin sei aber noch nicht im großen Stil erfolgt.

Dabei sieht der Experte gerade auch in seinem Fachgebiet großes Potenzial. „In der Intensivmedizin erfassen wir Patientendaten buchstäblich von Herzschlag zu Herzschlag. All diese Daten werden – eigentlich zum Zweck der Dokumentation – langfristig gespeichert, im AKH Wien seit mehr als 15 Jahren. Sie stehen nun zur Verfügung, um sie mit künstlicher Intelligenz aufzubereiten.“ Das Ziel wäre, auf Grund einer tiefgreifenden Datenanalyse für komplexe Situationen treffende Vorschläge zu machen. Diese würde neben individuellen Daten des Patienten auch Informationen über das jeweilige Krankenhaus und die bestehenden Ressourcen beinhalten.

Basis für individuelle Therapie

Ganz generell sieht der Experte in der Digitalisierung eine wesentliche Methode für den Megatrend der personalisierten Medizin. Abgesehen von prospektiven Auswertungen, die noch in den Kinderschuhen stecken, könne die Digitalisierung auch den Informationsfluss – etwa bei der Übergabe von Patienten – erleichtern, sowohl für Ärzte als auch für Pflegepersonal.

Nicht zuletzt könnten Patienten selbst oder deren Angehörige rascher mit aktuellen Informationen versorgt werden. Insbesondere Letzteres wirft aber Fragen des Datenschutzes auf, und es müsse etwa diskutiert werden, welche Informationen in welcher Form an Angehörige übermittelt werden sollen.

Neues Boltzmann-Institut

„Wir sind in einer Phase des Brainstormings, wie die Möglichkeiten in der Praxis umgesetzt werden können, und wissen noch nicht, was genau gesellschaftlich erwünscht ist. Dabei sind rechtliche, ethische und medizinische Aspekte zu berücksichtigen“, sagt Markstaller. Ein im Oktober startendes Ludwig Boltzmann-Institut für „Digital Health and Patient Safety“ soll sich interdisziplinär mit diesen Fragen beschäftigen. „Aufgabe dieses Instituts ist nicht, neue Technologien zu entwickeln, das macht die Industrie viel effektiver – sondern zu klären, wie neue Technologien auf seriöse und sichere Weise in die Medizin integriert werden können“, erklärt Markstaller.

Abgesehen von Fragen des Datenschutzes ortet der Experte auch in der Rationalisierung mögliche Gefahren. Man dürfe sich von der Digitalisierung nicht nur eine Zeit-Rationalisierung erwarten. Diese sei zwar notwendig, müsse aber auch dem Wohle des Patienten dienen, zuallererst, indem die gewonnene Zeit für mehr Kontakt zwischen Arzt und Patienten genutzt wird. Weiterer Nutzen sei die Qualitätssteigerung. „Die moderne Medizin ist wirksamer, wegen der Komplexität aber risikoreicher geworden. Digitale Systeme könnten Sicherheitsnetze bilden, zum Beispiel zum Schutz der Patienten und des behandelnden Personals bei Medikamentenverordnung oder Messung von Vitalparametern.“


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