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Bolsonaro und die Brandstifter

Große Flächen des brasilianischen Urwalds stehen in Flammen.
Große Flächen des brasilianischen Urwalds stehen in Flammen.(c) REUTERS (Bruno Kelly)
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Die riesigen Waldbrände in Brasilien haben eine Welle internationaler Empörung erzeugt und zwingen den Präsidenten, der sie erst ignorierte, zum Handeln.

Als um drei Uhr nachmittags nachtschwarze Dunkelheit hereinbrach über São Paulo, dürfte vielen Brasilianern bewusst geworden sein, dass sie im vorigen Oktober einen politischen Pyromanen gewählt haben. Die übelriechenden Wolken über der Megalopolis im Süden Brasiliens waren der Nachweis der systematischen Sabotage des größten natürlichen Sauerstoffgenerators des Planeten nach den Weltmeeren.

Brasiliens Regenwald brennt. So lichterloh wie nie zuvor. In den ersten acht Monaten heuer gab es fast 84 Prozent mehr Feuer als im gleichen Zeitraum 2018, meldete das Nationale Institut für Weltraumforschung INPE, das seit 2013 die illegale Landgewinnung aus dem All heraus dokumentiert. Bis zum 18. August haben die INPE-Satelliten demnach 72.843 Brandausbrüche registriert, mehr als die Hälfte davon waren bzw. sind im Amazonasgebiet.

Explosion der Brände. Allein diese Woche wurden 68 neue Brände in indigenen Gebieten und Schutzgebieten registriert. In Mato Grosso, einem der am stärksten von den Flammen betroffenen Bundesstaaten, stieg die Zahl der Feuerausbrüche um 205 Prozent. Die Flammen verheerten die Nationalparks Chapada dos Guimarães – er hat bereits zwölf Prozent seiner Vegetation verloren – und Serra de Ricardo Franco an der Grenze zu Bolivien, wo in den vergangenen Tagen ebenfalls 774.000 Hektar Tropenwald verschwanden – das sind 7740 Quadratkilometer bzw. etwa die kombinierte Fläche der Bundesländer Salzburg und Wien.

Während die bolivianische Regierung von Evo Morales einen zum Löschflugzeug umgebauten Boeing-747-Jumbo-Jet anmietete, um das Inferno zu bekämpfen, ging sein Kollege Jair Bolsonaro in Brasilien nicht gegen die Flammen vor, sondern gegen den Feuermelder. Am 2. August entließ er den Direktor des Raumfahrtinstituts. Das INPE hatte vermeldet, dass die Rodungen im Amazonasbecken drastisch zugenommen hätten, seitdem Bolsonaro das Präsidentenamt am 1. Jänner übernommen hatte. Im Juni 2019 wurden nach diesen Erkenntnissen um 88 Prozent mehr Tropenwald vernichtet als im gleichen Monat des Vorjahres. Und im Juli stieg dieser Wert gar auf 278 Prozent. Die Satelliten registrierten, dass zwischen August 2018 und Juli 2019 rund 6830 Quadratkilometer Tropenwald gerodet wurden, das ist beinahe so viel wie die Fläche des Landes Salzburg. Nach den Berechnungen des International Wildlife Fund (IWF) verschwindet in Brasilien aktuell jede Minute eine Waldfläche im Ausmaß dreier Fußballfelder.

Warner entlassen. Seit das INPE die drastische Zunahme vermeldete, behauptete der Präsident, die Messungen seien übertrieben. Beweise dafür blieb er schuldig. Als sich INPE-Chef Ricardo Galvão wehrte und noch dazu bekannt gab, dass die Messergebnisse seines Instituts seit Monaten im Umweltministerium schubladisiert und nicht an die Strafverfolger weitergeleitet würden, entließ Bolsonaro den international angesehenen Physiker. Dessen Job übergab er einem General, der mit Raumfahrt bisher ebenso wenig zu tun hatte wie mit dem Erhalt der Biosphäre.

Womöglich hoffte Bolsonaro, so das Thema ersticken zu können. Doch das scheiterte zunächst an den Regierungen Norwegens und Deutschlands, die unter Protest ihre Millionentransfers für den Amazonas-Fonds auszusetzen. Aus diesem internationalen Topf war seit zehn Jahren der Schutz des Regenwaldes einigermaßen erfolgreich finanziert worden, in den meisten Jahren der vergangenen Dekade konnte die Abholzung nicht verhindert, aber reduziert werden. Doch nun wurde der Fonds von Bolsonaros Umweltminister Ricardo Salles geschlossen. „Norwegen kann jetzt die Wiederaufforstung in Deutschland finanzieren“, ätzte Bolsonaro, der seit Jahren behauptet, Europas Sorgen um den Amazonaswald seien eine Strategie, um Brasilien den Zugang zu seinen Bodenschätzen zu verwehren. Er werde sich Ökokolonialismus nicht bieten lassen, hatte er schon im Wahlkampf gedröhnt und 55 Prozent der Brasilianer überzeugt, ihn zu wählen.

Tradition der Brandrodung. Inzwischen sind Bolsonaros Sympathiewerte auf etwa 30 Prozent gesunken, was vor allem an seinem verbalen Dauerfeuer lag. Nun kommen die realen Flammen dazu. Als vor etwa zwei Wochen die ersten Großbrände aufloderten, erklärte der Umweltminister das mit der Trockenzeit, die jährlich zwischen Juni und September die Wasserspiegel im Amazonasbecken sinken lässt. Als Meteorologen einwandten, dass dieses Jahr gar nicht besonders trocken sei, behauptete Bolsonaro, die Feuer seien wahrscheinlich von Umweltschützern gelegt worden, um ihm zu schaden.

Doch wer sollte ihm das glauben in einem Land, das seit Hunderten Jahren Brandrodung praktiziert? Das Schema ist seit Generationen das gleiche: Erst schlagen Holzhändler die wertvollen Stämme und holen sie aus dem Wald, dann kommen Planierraupen und legen den Rest um. Der muss einige Monate trocknen, dann wird er abgefackelt. Dabei passiert es oft, dass Feuer außer Kontrolle geraten und größere Gebiete in Brand setzen. Für die Pflanzen- und Tierwelt bedeutet das eine Katastrophe. Und für die Ureinwohner die Auslöschung ihres Kosmos.

Es war das ungeheure Ausmaß dieser Barbarei, das Bolsonaro nun auch in Brasilien in die Bredouille bringt. Die Rauchwolken über der Wirtschaftsmetropole São Paulo weckten Erinnerungen an 2014, als die 20-Millionen-Stadt ein Jahr lang auf Regen wartete und das Trinkwasser rationieren sowie den Strompreis verteuern musste. Nun fragen sich nicht nur Naturschützer, sondern auch Wirtschaftstreibende, ob Klimakatastrophen das Land nicht teurer kämen, als alle Rindviecher und Bodenschätze aus Bolsonaros Zukunftsvisionen zusammen einbringen könnten.

Am Freitag kündigten Irland und Frankreich an, dass sie den im Juli unterzeichneten Freihandelsvertrag zwischen der EU und dem südamerikanischen Mercosur-Block nicht ratifizieren werden, weil Bolsonaro die dort enthaltenen Klimaschutzregeln ignoriere. EU-Ratspräsident Donald Tusk machte am Samstag den Fortgang der Ratifizierung des Vertrags vom Einsatz Brasiliens zur Brandbekämpfung abhängig. Sollte Brasilien ein 500-Millionen-Markt versperrt bleiben, wären vor allem seine Farmer betroffen. Womöglich war es der Druck der mächtigen Agro-Fraktion, die Bolsonaro am Freitag bewog, das Militär zum Löschen abzukommandieren und den Kampf gegen Zündler anzukündigen.

„Idiot, Idiot, Idiot.“ Während der Präsident die Befehle gab, verschickte dessen Sohn Eduardo, der bald Brasiliens Botschafter in Washington werden soll, via Twitter ein Video. Darin wird Frankreichs Präsident porträtiert. Der Titel lautet: „Idiot, Idiot, Idiot.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2019)