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Wissenschaftliche Exzellenz gibt es nicht zum Nulltarif

Trotz aller Freude, die Wissenschaft bereitet: Der Druck von allen Seiten auf den Nachwuchs ist heute enorm.

Mit „akademischer Freiheit“ meint man gewöhnlich, dass Lehrende und Forschende unbehelligt von der Wünschen der Rektorate und Regierungen forschen und lehren, was sie für richtig halten – auf Basis ihrer akademischer Meriten und ihrer Fähigkeit, kompetitive Forschungsmittel zu lukrieren. Diese „bottom-up“ Struktur bildet den Kern der Universitäten und jeder wissenschaftlichen Exzellenz. Allerdings lenken die Unis, was auf Top-Niveau gelehrt und geforscht wird, durch Ausschreiben von Professuren bestimmter Fachrichtungen und durch Anheuern der besten Köpfe.

Letztes Mal berichtete ich von meiner wilden akademischen Freiheit an der Uni Salzburg in den 1970ern. Heute schaut die akademische Welt anders aus. Gerade eben zogen sich alle Mitglieder unseres vom FWF finanzierten Doktoratskollegs „Cognition and Communication“ ins Almtal zurück. Zehn Betreuerinnen und etwa 40 Doktoratsstudierende festigten in dreieinhalb Tagen Klausur den Gruppenzusammenhalt und trainierten akademische Fertigkeiten. Davon konnte man vor 30 Jahren nur träumen. An Stelle der unbegrenzten Freiheit trat eine ziemlich straffe Struktur, die exzellente Forschungsleistungen gewährleisten, ein effizientes Studium und damit den Leuten Verluste an Lebenszeit erspart.

Konkurrenzfähigkeit steht heute im Zentrum. Die zehn Betreuer von der Uni Wien und der VetMed Uni Wien schafften es, dieses Doktoratskolleg gegen starke Konkurrenz vom FWF finanziert zu bekommen. Die Doktorandenstellen wurden international ausgeschrieben und aus über 100 Bewerbern zwei Handvoll ausgewählt; es handelt sich also um die Crème der Studierenden. Je Betreuer wird ein PhD für maximal vier Jahre aus dem Programm finanziert, Studierende aus den anderen Forschungsprogrammen der Betreuer stießen als „Assoziierte“ dazu. Höchst belohnend, mit solch begabten jungen Leuten aus vielen unterschiedlichen Ländern arbeiten zu dürfen! Die Betreuung erfolgt strukturiert im Kreis der Kollegen, die PhDs durchlaufen neben ihrem Projekt ein anspruchsvolles Ausbildungsprogramm – welch Kontrast zu früher!

Viel Struktur also, zumal in diesen vier Jahren noch ein mindestens sechsmonatiger Besuch in einem anderen Labor enthalten sein sollte. Für ihren Abschluss müssen unsere Kandidaten mindestens drei hochklassige Beiträge in internationalen Peer Review Journalen veröffentlichen. Mit einer solch exzellenten Leistung wahren sie ihre Chancen auf einen Post-Doc in einem anderen Spitzenlab und werden so langsam auf akademische Stellen an guten Unis berufbar. Das werden aber dennoch in Europa kaum mehr als zehn Prozent dieser Top-Leute schaffen, in den USA wären es gar nur fünf Prozent.

Trotz aller Freude an der Wissenschaft ist der Druck heute also enorm. Der Nachwuchs kommt mit einem hohen Anspruch an sich selbst, er weiß um die irre Konkurrenz und die hohen in ihn gesetzten Erwartungen. Nicht alle halten dem stand. Es drohen unter anderem Depression und Burnout. Das wissen auch die Unis und die Betreuer in den Kollegs und versuchen, entsprechend Unterstützung zu leisten. Die Studierenden erreichen heute ein wesentlich höheres Leistungsniveau, als wir in den 1980er-Jahren. Davon profitieren alle, auch die Universitäten. Aber wissenschaftliche Exzellenz gibt es eben nicht zum Nulltarif.

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i.R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2019)