Der Totenkopf in Kunst, Design und Mode

Totenkopf Kunst Design Mode
Totenkopf Kunst Design Mode(c) EPA (White Cube Handout)
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Unvergänglichstes Symbol am Jahrmarkt der Eitelkeiten: Der Totenkopf wird in
Kunst, Design und Mode gern als Motiv verwendet.

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Dass sich aus dem Hüben nichts ins Drüben retten lässt, ist eine neue Erkenntnis nicht: Dergleichen wusste man schon im alten Rom und stellte jedem siegreichen Feldherrn im Rahmen gebührlicher Feierlichkeiten einen Sklaven bei, der ihn an die Eitelkeit seines ­irdischen Tuns erinnerte. „Memento moriendum esse“, raunte dieser dem Heroen zu, der sich so im Moment des Triumphs jäh an die eigene Endlichkeit gemahnt sah. In der Kunstgeschichte wandte man sich im ausgehenden 16. Jahrhundert mit geradezu todessehnsüchtiger Verve diesem Thema zu – das Memento-mori-Motiv erlebte im Barock eine wahre Hochkonjunktur. Das Stilllebengenre der Vanitas zelebrierte den Gedanken der Eitelkeit alles Irdischen in den verschiedensten Variationen. Der Knochenmann, der den arglos Dinierenden der Abendgesellschaft entreißt; verfaulende Früchte in einem wohlfeilen Arrangement; ein Totenkopf in den Händen des meditierenden Franz von ­Assisi: Auf immer neue Weise versuchten Künstler den Sinnspruch von der Vergänglichkeit ­alles Vergänglichen bildlich umzusetzen. Die Faszination für das Motiv und die Suche nach zeitgemäßen Zugängen setzt sich bis in die Gegenwart fort. Das Pariser Musée Maillol spannt derzeit in einer ko­härent kuratierten Überschau mit dem optimistischen Titel „C’est la vie“ einen ambitionierten Bogen über wich­ti­ge Positionen von Caravaggio bis Damien Hirst.

Dekorationsobjekte. Beim Besuch der Ausstellung fällt bald auf, dass mit dem Fortschreiten der Zeit die Totenkopfsymbolik immer prominenter wird und sich allmählich ganz in den Vordergrund spielt. An die Stelle der ikonografischen Opulenz barocker Vanitas-Kompositionen tritt der oft unkommentierte Schädel als geradezu „dekorativ“ anmutendes Objekt. „Das barocke Zeitalter war zutiefst von den Werten des Christentums geprägt, sodass das Bild des Totenkopfs im beruhigenden Zusammenhang der Religion stand“, fasst die künstlerische Leiterin des Musée Maillol, Patrizia Nitti, zusammen. „In der Folge löste sich aber der Totenkopf aus dem Gefüge ikonografischer Elemente. Außerdem findet das kollektive Nachdenken über Tod in der von Atheismus und Materialismus geprägten Konsumgesellschaft auf andere Weise statt.“ Im Kontrast zu still eindrücklichen Gemälden wie der Abendgesellschaft „Memento mori“ von Giovanni Martinelli (1635) oder dem knienden Franz von Assisi bei Francisco de Zurbarán (1635) macht sich das knallbunte Schädeldefilee der Gegenwart recht unbeschwert aus. Ob Niki de Saint Phalle, Annette Messager, Xavier Veilhan oder Subodh Gupta – zeitgenössische Künstler empfinden es offenbar als Herausforderung, den Schädel per se in der Aufmachung ihrer Personalästhetik zu zeigen. Das ist zwar fabelhaft, lässt aber die Grenzen zwischen Kunst und Innendekoration auf den ersten Blick ein wenig verschwimmen.

Kostbarkeiten. Dabei sorgt fraglos die Anmutung des Schaurig-Schönen für zusätzliche Faszination. Immerhin erfreuen sich seit jeher Objekte wie Stockknäufe und Schmuckstücke mit Schädelornamentik, die ebenfalls im Musée Maillol gezeigt werden, großer Beliebtheit. Von herausragender Qualität ist die Arbeit der venezianischen Juweliersdynastie Codognato, die seit Ende des 19. Jahrhunderts eine exquisite Klientel bedient und in deren morbide Hände sich auch Luchino Visconti auf Inspirationssuche begeben hat. Kostbare Schädelgeschmeide mit funkelnden Edelsteinaugen führen das Diktum der Vergänglichkeit irdischer Reichtümer ad absurdum. Ins Groteske überzeichnete das Ansinnen einer ähnlich paradoxen Vanitas-Paraphrase der künstlerische Selbstvermarktungsprofi Damien Hirst. Sein berüchtigtes Opus „For the Love of God“ stellt aufgrund des reinen Materialwerts – ein aus Platin gegossener Schädel, besetzt mit 8601 Brillanten – das teuerste Gegenwartskunstwerk dar. Mit dieser viel diskutierten Arbeit gab Hirst wohl auch einen Kommentar zur ­Glitzer- und Glamourversessenheit von Kunstlieb­habern ab, die sich auf Modewochen ebenso gern tummeln wie auf Kunstmessen.

Nonkonformismus. Den Schulterschluss aus Mode und Kunst betreibt in umgekehrter Richtung der deutsche Designer Philipp Plein. Er dekoriert seine Flagship-Stores mit Glitzerschädeln, die wie überdimensionierte Hirst-Repliken anmuten. Auf funkelnde Totenköpfe im Tattoolook setzt Mode-Bad-Boy Chris­tian Audigier, der mit seinem Label Ed Hardy auch in Hollywood Erfolge feiert. „Die Mode ist eine überzeichnete und vergängliche Ausdrucksform, die sich an ein viel größeres Publikum als die Kunst wendet“, kommentiert Patrizia Nitti. „Sie reagiert auf die Kunst und gesellschaftliche Entwicklungen ihrer Zeit.“ Relevant für die Mode sind aber auch Umstände wie die Übernahme der Totenkopfsymbolik durch die 1948 in den USA gegründete Biker-Truppe Hells Angels oder die Allgegenwart der „Jolly Roger“-Piratenflagge, die einen Schädel mit gekreuzten Knochen zeigt. So wird das Motiv längst mit Nonkonformismus und bewusst gewähltem Außenseitertum assoziiert, was es für Querdenker verschiedenster Gesinnung interessant macht. In diese Kategorie zählt freilich auch der unlängst verstorbene Designer Lee Alexander McQueen, der den Totenkopf als häufig wiederkehrendes Motiv in seinen Kollektionen verwendete. Diese Tatsache fügt sich im Nachhinein nahtlos ins Bild eines ungestümen, hemmungslos kreativen Modekünstlers, der offenbar an der Welt verzweifelt ist.

Die Ausstellung "C’est la vie! Vanités de Caravage à Damien Hirst" ist noch bis 28. Juni im Musée Maillol in Paris zu besichtigen. Der Ausstellungskatalog mit gleichem Titel ist bei Flammarion erschienen.
www.museemaillol.com
www.flammarion.com

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