Ivica Vastic schoss den Ausgleich, und Howard Webbs Familie bekam Polizeischutz.
Der Fernsehreporter hat gesagt, es sei Abseits gewesen“, murmelte sein Assistent. Niedergeschlagen sitzt das Trio in seiner kleinen Kabine. Abgekämpft, nervös. Draußen ist die Hölle los. Howard Melton Webb erlebt seinen schlimmsten Tag als Schiedsrichter. Er leitet gerade das erste Spiel des Euro-Gastgebers Österreich im Wiener Ernst-Happel-Stadion. Und er hat vor wenigen Minuten ein Tor für Polen gegeben. Ein Tor, das vermutlich abseits war. „Ich hab es auf einem der Monitore gesehen“, murmelt sein Kollege. Am liebsten würden sich die drei im Erdboden verkriechen.
Die belgischen Dokumentarfilmer Jean Libon und Yves Hinant haben die Bilder festgehalten. Es sind einzigartige Einblicke in die Arbeit von Weltklasseschiedsrichtern. „Referees at work“ kam in vielen Ländern Europas in die Kinos, lief bei Festivals. In Österreich ist die Doku ab heute als DVD im Handel.
Howard Webb wird es egal sein. Er leitet morgen das Champions-League-Finale in Madrid zwischen Inter Mailand und Bayern München. Und er wird der einzige der 23 Männer auf dem Spielfeld sein, der hofft, nicht weiter aufzufallen. Denn nicht aufzufallen ist das größte Lob für einen Schiedsrichter. Das weiß keiner so gut wie er.
Am 12. Juli 2008 wurde Howard nur von einem gelobt. Von seinem Vater. Sein alter Herr, selbst einst Schiedsrichter in der englischen Liga, fieberte im Stadion mit seinem Sohn mit. „Ich bin stolz auf dich, Junge“, sagt er nach dem Schlusspfiff. Zu diesem Zeitpunkt war Howard beim Rest der Fußballwelt unten durch. In der Nachspielzeit hatte er seinen Fehler kompensiert, gab Elfmeter für Österreich. Ivica Vastic schoss den Ausgleich und Howard Webbs Familie bekam Polizeischutz.
Ihr Haus in der Nähe Londons wurde von aufgebrachten polnische Gastarbeitern belagert. Schnell war im Internet Webbs Wohnadresse zu lesen. Immerhin hat ein polnischer Politiker die Todesstrafe für Webb gefordert. Die Kamera ist dabei, als Webbs Mutter vor Angst zittert und hofft, ihr Sohn werde die Pfeife endlich an den Nagel hängen. Die Bilder gehen unter die Haut. Fußball kann unendlich abstoßend sein.
Webb wurde von den Mitgliedern der Uefa-Schiedsrichterkommission umgehend aussortiert und nach der Euro-Vorrunde nach Hause geschickt. Er hat nicht drauf gepfiffen. Sein Vater wird morgen stolz auf ihn sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2010)