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Niederlande: „Es ist fast, aber doch kein Urlaub“

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(c) Gepa (Amir Beganovic)
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Still und leise bezogen van Persie, van der Vaart und Co. ihr Quartier in Seefeld. Sie stehen Rede und Antwort, sind für Fans greifbar und von Tirol begeistert.

SEEFELD.Millionenstars in Seefeld. Unnahbar, arrogant, überheblich? Beim niederländischen Fußballteam, das sich seit Mittwoch in Tirol auf die WM in Südafrika vorbereitet, herrscht gute Laune pur. Nicht einmal Nieselregen, Nebelwolken oder die winterliche Temperatur von drei Grad vermiesen ihnen den Tag. „Du willst mit einem der Spieler sprechen?“, fragt Monique, eine der PR-Damen der Elftal, und zeigt lächelnd auf die Werbebanden. Auf jeder Einzelnen hängt das Namensschild eines Kickers. „Stell dich nach dem Training dorthin, die Jungs kommen von selbst.“

Rund um den Platz des SK Casino Seefeld, der in der ersten Tiroler Klasse spielt, finden sich ab neun Uhr schön langsam, nahezu gemächlich die Kiebitze ein. Auch niederländische Reporter trudeln nach und nach ein. Insgesamt sind es 100, die ihrem Team nach Tirol gefolgt sind. Als die Klubkantine aufsperrt, tauen die Niederländer auf. Das Holzhäuschen wird zwar schnell einem Après-Ski-Urlaub zugeordnet, aber das ist wenig verwunderlich: Am Vortag lag bis in die Mittagsstunden eine zwei Zentimeter dicke Schneedecke auf dem Rasen...

Dann, kurz vor zehn Uhr, wird es ernst. Ein schwarz-oranger Bus fährt vor, gemächlich traben Robin van Persie, Rafael van der Vaart und Dirk Kuyt auf den Platz. Man hat es nicht eilig, es ist die erste Trainingseinheit. Die Vorrundenspiele gegen Japan, Dänemark und Kamerun sind weit weg. Trainer van Marwijk lässt seine Equipe Runden drehen, Dehnungsübungen wechseln sich mit Sprints und einem Handballspiel ab.

Kein Freistoß, kein einziger Schuss wird abgegeben. Dennoch brandet vereinzelt Applaus auf. 50 Zuschauer haben sich zum Fußballplatz verirrt. Die Sicherheitsleute haben nichts zu tun. Deshalb hat der holländische Verband auch nicht lange gezögert, wieder nach Seefeld zu kommen. Entgegen anderen Gepflogenheiten, verrät Otmar Sommer von der IFA-Sportmarketingagentur, bezahlt Oranje die Rechnung auch selbst. 250.000 Euro wurden überwiesen. Dafür müssen die Spieler keine PR-Termine wahrnehmen und kein Testspiel bestreiten. Das Vorbereitungsmatch gegen Mexiko findet am Mittwoch in Freiburg statt.

Der Oranje-Tross umfasst 147 Personen, denn auch die Spielerfrauen und -kinder sind im Dorint-Hotel einquartiert. Beim Training sind sie nicht dabei. Um 11.42 Uhr endet die Übung, und wie selbstverständlich geht jeder Spieler zu seinem Schild und steht, ohne auf die Uhr zu schauen, Rede und Antwort. Auch diese Form der professionellen Einstellung kann sich so mancher heimische „Star“ von den echten Stars aus Holland abschauen.„Nach einer langen Saison hätte es sich jeder verdient, mal mit der Familie beisammen zu sein“, sagt der zweifache Vater und Arsenal-Star Robin van Persie. „Es ist wunderbar hier, ich kenne Seefeld seit der Euro 2008. Hier können wir uns wegen der Höhenlage perfekt vorbereiten. Es ist fast, aber doch kein Urlaub.“

 

Hauptsache, die Chemie stimmt

Daher sei jedem das Wetter egal, Hauptsache, die Chemie im Team stimmt und „wir schaffen es endlich, nicht nur in Vorrunden gut zu sein“. Mit Argentinien, Spanien und Brasilien hat van Persie die Favoriten der WM zwar schnell genannt, „aber warum sollten wir nicht auch einmal weit kommen oder gewinnen können?“

Die TV-Kameras surren, unentwegt klicken Fotoapparate, so nah komme man den Spielern selten, verrät ein niederländischer Journalist. Wann denn Arjen Robben und Wesley Sneijder zum Team stoßen würden, fragt er und blickt in ein hoch erfreutes Gesicht. Van Persie strahlt, denn Unterhaltung ist Samstagabend für die gesamte Mannschaft garantiert. „Beide haben im Champions-League-Finale die Chance, das Triple zu schaffen. Und ich nehme mal an, dass sie spätestens am Montag bei uns sein werden.“ Wenn der Kopfschmerz, egal ob nach Sieg oder Niederlage, abgeklungen sei. Wem der Arsenal-Star die Daumen drückt? „Ich habe zwei Hände, also beiden. Aber die Bayern haben mit van Gaal einen super Coach.“ Immerhin auch ein Niederländer.

Dann aber endet die Fragestunde jäh. Ein Teambetreuer sammelt die Spieler ein, der Bus wartet. So leise und unauffällig, wie sie gekommen sind, verschwinden die Niederländer auch wieder. Zumindest bis heute, ab dann laufen sie bis zum 1. Juni zweimal täglich über den Rasenplatz in Seefeld. Sie haben alle Vorbereitungen im Griff, ganz anders als ein weiterer Seefeld-Gast. Auch Kongos Nationalteam schlug sein Quartier in Tirol auf, zu reinen Übungszwecken. Bei der WM in Südafrika ist Kongo nicht dabei, daher scheint es nicht so tragisch, dass die Mannschaft ohne Bälle und kurze Hosen auf dem Platz stand. Irgendein Betreuer hatte die Sachen einzupacken vergessen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2010)