Fluktuationen im Hirn prägen Entscheidungen

Wie viel Risiko ein Glücksspieler auf sich nimmt, hängt vom aktuellen Status in seinem Mittelhirn ab.
Wie viel Risiko ein Glücksspieler auf sich nimmt, hängt vom aktuellen Status in seinem Mittelhirn ab.(c) Getty Images (Frazer Harrison)
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Wie viel Risiko ein Glücksspieler auf sich nimmt, hängt vom aktuellen Status in seinem Mittelhirn ab.

Buridans Esel, dieses philosophische Fabeltier, musste verhungern, da er sich zwischen zwei genau gleich weit entfernten Heuhaufen nicht entscheiden konnte. So schätzte ihn Arthur Schopenhauer als lebendes (respektive nicht mehr lebendes) Argument gegen die Idee, dass der Wille frei sei. Nur wenn eine Entscheidung gleichgültig sei, wenn es also keine Motive gebe, könne man sich frei entscheiden, meinte er. Aber wie entscheidet sich ein realer Esel zwischen zwei Heuhaufen? Wie entscheidet sich ein realer Mensch zwischen zwei Wahlmöglichkeiten, wenn für – und gegen – beide viel spricht?

Manchmal einfach zufällig. Das heißt: zufälligen Fluktuationen in dem Hirnareal folgend, das den Beginn von Handlungen auslöst und aufgrund seiner Farbe Substantia nigra heißt. Dieses Areal sitzt im Mittelhirn, und in ihm ist der Neurotransmitter Dopamin aktiv. (Bei der Parkinson'schen Krankheit, bei der das Auslösen von Handlungen gestört ist, mangelt es dort an Dopamin.) Dopamin spielt auch bei riskanten Entscheidungen eine wichtige Rolle, bei Glücksspielen um Geld etwa. So ließen Neurologen um Robb Rutledge (University College London) ihre Testpersonen um Geld spielen und sahen ihnen dabei via Magnetresonanzspektroskopie ins Mittelhirn.

Aktivität in der schwarzen Substanz

Was sie fanden, war überraschend: Wenn in der Substantia nigra gerade – zufällig – wenig Aktivität war, entschieden sich die Personen zwischen zwei Optionen für die riskantere; und umgekehrt. Vielleicht versucht diese Hirnregion damit, das Maß an Aufregung konstant zu halten?

Grundlage ist jedenfalls eine zufällige Schwankung. Was für einen Sinn könnte das haben? „Unser Hirn könnte sich in der Evolution so entwickelt haben, dass es spontane Fluktuationen in einer für Entscheidungen zuständigen Hirnregion zulässt“, meint Rutledge, „da uns das weniger vorhersehbar macht und damit besser geeignet, in einer sich ändernden Welt zurechtzukommen.“ Die Fluktuationen im Hirn könnten „ein in der Evolution konserviertes Prinzip sein, das dem Hirn erlaubt, Variabilität einzuführen“, schreiben die Forscher etwas komplizierter in ihrer in den Proceedings of the National Academy of Sciences (26. 8.) erschienenen Arbeit. Man darf hinzufügen: Diese Fluktuationen können in einer Pattsituation der Für- und Wider-Argumente eine notwendige Entscheidung erst lostreten – und damit sozusagen Buridans Esel vor dem Verhungern retten.

„Alle ökonomischen Theorien tun sich schwer damit zu erklären, warum Menschen so inkonsistent sind“, schreiben die Neurologen auch in Pnas. Der von ihnen darin beschriebene Zufallsgenerator in einer Entscheidungszentrale könnte eine – wenn auch für Freunde des Homo oeconomicus nicht wirklich befriedigende – Antwort darauf sein. Und zugleich zu Gleichmut in der nachträglichen Beurteilung von Entscheidungen mahnen: Hätte man eine halbe Fluktuation länger gewartet, dann hätte man sich vielleicht ganz anders entschieden . . .

Könnte sein, dass diese neurologische Arbeit die ewige Debatte über die Willensfreiheit neu befeuert. Wenn die zuständigen Philosophen denn von ihr erfahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2019)

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