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Am Tiefpunkt kommt der Böhmermann

Ein politisch tätiger Satiriker? Das war etwa George Bernard Shaw. Heute bringen Krisen Clowns.

Jan Böhmermanns Kandidatur für den SPD-Vorsitz dürfte ein Show- Gag bleiben, auch wenn der TV-Satiriker beteuert, es sei ihm ernst damit. Dass auch die Kommentare dazu eher humoristisch ausfielen, ist wohl ein gutes Zeichen. Je mehr Krise, desto mehr Komiker in der Politik, galt in den letzten Jahren, ob in Italien (Beppe Grillo), in England (Boris Johnson), in der Ukraine (Wolodymyr Selenskij), in Slowenien (Marjan Šarec) oder Island (Jón Gnarr).

Was TV-Komikern im Wahlkampf hilft: Sie sind Medienprofis, beliebt, sie geben den Menschen etwas zu lachen, zugleich das Gefühl, sie zu verstehen. Und ähnlich wie einst den Hofnarren, die politisch gewieft sein mussten, um sich nah an der Macht zu halten, geht es Komikern im staatlichen Fernsehen (aber wer will von dort schon ernsthaft in die SPD?).

Die Geschichte liefert allerdings keine Positivbeispiele für die Verbindung von Komikertum und Politik. Machiavelli schrieb Komödien – aber unpolitische und erst nach dem Ausscheiden aus der Politik. Satiriker des 19. Jahrhunderts wie der italienische Dichter und Abgeordnete Giuseppe Gusti verfassten politische Spottschriften, aber scharf denkend und nicht mit dem Ziel, die meisten Lacher zu ernten. Ebenso wenig wie der irische Schriftsteller George Bernard Shaw, der das Gründungsprogramm der Labour Party mitverantwortete, in seinem Londoner Bezirk Ratsmitglied war und noch im Alter scharfe Politsatiren schrieb.

Es gibt Ausnahmen wie den 1994 verstorbenen Germain Muller, einen der bekanntesten Politkabarettisten des Elsass. Er engagierte sich 30 Jahre lang im Stadtrat, initiierte etwa die Opéra National du Rhin. Er war Beigeordneter für Kultur, nichts weiter. Da kannte er sich aber auch aus.

anne-catherine.simon@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2019)