Das Wiener Derby, nur noch ein Duell der Mittelmäßigkeit

Als das Derby noch Meisterschaften entschied: 1946 siegte Rapid 5:1 und fixierte in der folgenden, letzten Runde den Titel.
Als das Derby noch Meisterschaften entschied: 1946 siegte Rapid 5:1 und fixierte in der folgenden, letzten Runde den Titel.Votava/Imagno/picturedesk.com

Das Traditionsduell zwischen Austria und Rapid ist reich an Emotionen und Erinnerungen, doch aktuell fehlt es an spielerischer Qualität.

Exakt 259 Tage mussten sich die Anhänger von Austria und Rapid für den 329. Kräftevergleich ihrer Mannschaften an diesem Sonntag (17 Uhr, live Sky) gedulden und damit so lang wie schon seit über 30 Jahren nicht. Letztmals in der Saison 1984/85 wurden nur zwei Wiener Derbys gespielt, damals war das jedoch dem Bundesliga-Modus mit 16 Mannschaften geschuldet. Im Vorjahr verhinderte bekanntlich die grün-weiße Erfolglosigkeit zwei weitere Duelle im oberen Play-off, mit der 1:6-Niederlage beim Erzrivalen im Dezember 2018 avancierte ausgerechnet Dietmar Kühbauers Derby-Premiere als Rapid-Trainer zu einem der Tiefpunkte der Katastrophensaison – und für die Austria zum zweithöchsten Sieg aller Zeiten.

Von der jüngsten Auflage blieben allerdings weniger die vielen Tore als der „Polizei-Kessel“ in Erinnerung. Im Juli kam das Wiener Verwaltungsgericht nach Anzeigen mehrerer Rapid-Fans gegen das Vorgehen der Exekutive zum Urteil, dass die Identitätsfeststellungen korrekt, die mehrstündigen Anhaltungen bei eisiger Kälte teilweise ebenso wie die Wegweisungen rechtswidrig waren. Es war das vorerst letzte Kapitel der unrühmlichen Seite der Derby-Geschichte, die Spielabbrüche (erstmals 1923, letztmals 2011) ebenso wie die brutale Attacke von Austria-Goalie Joey Didulica gegen Axel Lawarée 2005, den Böller-Wurf, der 2008 die Karriere des damaligen Rapid-Torhüters Georg Koch beendete, oder Morddrohungen gegen den violetten Schlussmann Patrick Pentz im September 2018 umfasst.


Die guten alten Zeiten. Das Wiener Derby ist das am zweithäufigsten im Pflichtspielrahmen gespielte der Welt nach dem „Old Firm“ in Glasgow zwischen Celtic und Rangers (418. Auflage, heute 13 Uhr, live Dazn). Einst nur eines von vielen Stadtduellen, liegt der Ursprung der Rivalität im klassenspezifischen Selbstverständnis der beiden Vereine: Austria und die Oberschicht gegen die Arbeiter bei Rapid. Es hat rot-weiß-rote Jahrhundertfußballer wie Matthias Sindelar (Austria, erlebte den einzigen Ausschluss seiner Karriere in einem Derby) oder Ernst Happel (dirigierte Rapid im „Jahrhundert-Derby“ 1950 vor 55.000 Zuschauern zum 7:5-Sieg) gesehen, die Emotionen gehen bis heute nicht nur auf den Rängen hoch: 1937 musste ein Derby beim Stand von 5:0 für die Austria vorzeitig beendet werden, da nur noch sechs Rapid-Spieler auf dem Feld standen.

Fanden noch in den 1980er-Jahren Hooligans beider Lager etwa bei „Eisern Wien“ für den Europacup zusammen, werden seit dem Erstarken der Ultra-Kultur die Grenzen zwischen den Fangruppen streng gezogen. Auf dem Rasen gehörten Seitenwechsel spätestens seit dem Bosman-Urteil dazu: Krzysztof Ratajczyk, Peter Stöger oder Michael Wagner sind nur einige namhafte Fälle, Josef Hickersberger tat es nicht nur als Spieler, sondern auch als Trainer. Auch am Sonntag wird mit Thomas Murg ein Rapid-Profi auflaufen, der bereits zwei Derbys für Violett bestritten hat.


Gefangen im Mittelfeld. Die Zeiten, als der Wiener Fußballgipfel über Meisterschaften entschieden hat, liegen weit zurück. Zu übermächtig ist die Salzburger Dominanz, zu groß aber sind auch die eigenen Fehler der jüngeren Vergangenheit. Viele Anhänger beklagen, dass die wirtschaftliche und infrastrukturelle Offensive beider Klubs zulasten der sportlichen Performance ging. So stecken Austria wie Rapid auch heuer – in der zugegebenermaßen noch jungen Saison – im bedeutungslosen Mittelfeld der Tabelle, unterscheidet sich die Ausgangslage dieses Aufeinandertreffens kaum von jener des letzten: Damals Fünfter gegen Achter, heute Siebenter gegen Sechster.

Seit dem letzten Meistertitel 2008 hat Rapid sechsmal den Trainer gewechselt, die Austria seit 2013 gar achtmal. Das Spielermaterial dürfte seinen Anteil zur Mittelmäßigkeit beitragen. In Favoriten herrschte zuletzt Zurückhaltung auf dem Transfermarkt, heuer schlägt wohl die Leihe von Innenverteidiger Erik Palmer-Brown, der aufgrund einer Rotsperre auf die Derby-Premiere warten muss, am teuersten zu Buche. Der Stadtrivale aus Hütteldorf kaufte zwar munter ein, die Bilanz von Sportdirektor Fredy Bickel (im Juli von Zoran Barišić beerbt) und seinem Scouting-Team aber fällt mager aus. Sinnbildlich dafür steht der glücklose Deni Alar, der unter Bickel 2018 zum zweiten Mal geholt und im Sommer wieder abgegeben wurde – erneut mit Verlust.

Beiden Teams fehlen Torjäger und Anführer, die auf dem Platz wachrütteln. Dem spielerischen Anspruch, der einem Wiener Großklub inhärent ist, werden sie schon länger nicht gerecht. Der Unmut des Rapid-Lagers erreichte in der Demontage Goran Djuricins vergangenen Herbst den jüngsten Höhepunkt, in der Generali-Arena sind die Pfiffe auch unter Christian Ilzer noch nicht verstummt.

Wiener Derby in Zahlen

135:119

Siege für Rapid lautet die ewige Derby-Bilanz vor dem 329. Vergleich am Sonntag.

1911

Die Derby-Premiere erfolgte am 8. September und damit knapp elf Monate nach der Gründung der Austria (als Wiener Amateur-Sportverein).

55

Derbys und damit die meisten absolvierte Erich Obermayer für die Austria. Auf grün-weißer Seite hält Peter Schöttel (50) den Rekord.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2019)