Jo Nesbø: Und am Kai geht Mackie Messer

Jo Nesbø lässt Harry Hole seit 1997 ermitteln. Band zwölf – „Messer“ – ist nun auf Deutsch erschienen.
Jo Nesbø lässt Harry Hole seit 1997 ermitteln. Band zwölf – „Messer“ – ist nun auf Deutsch erschienen.Stian Broch

Es gibt tiefgründigere, witzigere und präzisere Krimiautoren als Jo Nesbø, aber niemand komponiert spannendere Plots. Das beweist der Norweger im jüngsten Harry-Hole-Fall erneut.

Warum ausgerechnet in den pazifistisch grundierten Wohlfahrtsstaaten Skandinaviens besonders viele besonders blutrünstige Thriller geschrieben werden, ist eine tiefenpsychologisch noch nicht hinreichend geklärte Frage. Möglicherweise gibt es hier auch gar keinen Zusammenhang. Fest steht nur, dass der amtierende Meister des nordischen Krimis Jo Nesbø heißt, wie er in seinem jüngsten Werk namens „Messer“, dem zwölften Fall der Harry-Hole-Reihe, erneut unter Beweis stellt.

Nachdem ihn seine Frau Rakel des gemeinsamen Hauses verwiesen hat, gibt sich Nesbøs Hauptdarsteller wieder einmal der Selbstzerstörung durch Jim Beam hin. Wenn er nicht trinkt oder den Tod herbeisehnt, arbeitet Harry Hole als Cold-Case-Ermittler für die Osloer Polizei, ehe ihn ein alter Widersacher heimsucht: Svein Finne, eine Art norwegischer Mackie Messer, der sich aufs Vergewaltigen spezialisiert hat, schleicht nach 20 Jahren Gefängnis wieder wie ein Geist mit Messersammlung durch die Stadt, um Frauen am laufenden Band zu befruchten und sie dann zu nötigen, sein Kind auszutragen. Ein Rudel seinesgleichen: Das ist Finnes Ziel.

Das Unglück nimmt seinen Lauf, als Harry Hole eines Morgens mit einem Kater erwacht, voller Blut, und ohne Erinnerung. Und dann erfährt, dass eine ihm sehr nahestehende Person (mehr wollen wir hier nicht verraten) mit einem Messer getötet worden ist.


Die Kunst der falschen Fährte. Es gibt tiefgründigere Autoren als Jo Nesbø, witzigere, politischere Köpfe, genauere Beobachter, präzisere Beschreiber. Aber niemand komponiert spannendere Fälle. Bei Nesbø laufen mehrere Erzählstränge nebeneinanderher. Man ahnt natürlich, dass sie irgendwie verflochten sind, aber man will genau wissen, wie. Nesbø legt falsche Fährten und wechselt ständig die Erzählerperspektive, sodass man sich manchmal wünscht, der möge nun endlich zum Punkt kommen. Und dann liest man erst recht weiter, weil man die Auflösung nicht erwarten kann.

In „Messer“ lässt sie sich kaum erahnen. Der Überraschungseffekt ist ähnlich groß wie in der Zwillingsgeschichte „Der Erlöser“ (2005), dem sechsten Teil der Serie. Auch wenn der Plot vielleicht nicht so außergewöhnlich ist wie im „Schneemann“ (2007), der vor zwei Jahren mit Michael Fassbender in der Hauptrolle verfilmt wurde, oder in „Koma“ (2013).

Zwischendurch, manchmal auch zwischen den Zeilen, erfährt man bei Nesbø auch etwas über den norwegischen „Way of Life“, wobei er mit seinen Landsleuten nicht eben zimperlich umgeht. „Johan Krohn fragte sich manchmal, wie es weitergehen sollte, wenn das Öl irgendwann versiegte und sich das norwegische Volk wieder den Herausforderungen der wirklichen Welt stellen musste“, schreibt er in „Messer“. Vorerst aber scheint man in Oslo schon nachmittags auf ein After-Work-Bier zu gehen, nachdem man morgens länger geschlafen hat. Dass es Nesbøs Figuren mit der ehelichen Treue nicht so genau nehmen, dürfte allerdings kein ausschließlich norwegisches Phänomen sein.

Die Serie lebt auch von ihrem Helden, diesem trinkenden, Songtexte und Romanhelden zitierenden Harry Hole mit seiner alphabetischen, aber innerhalb eines Buchstabens chronologisch geordneten Plattensammlung. Der das Unglück abwenden will und gleichzeitig heraufbeschwört. Dem die Menschen zu Füßen liegen, obwohl er ihre Bedürfnisse unter die seinen stellt und sich selbst über das Gesetz. Held und Antiheld gleichermaßen, an der Grenze zum Überirdischen, gerade noch im grünen Bereich.

Bei anderen Charakteren – der selbstverliebten Journalistin, dem manipulativen Anwalt, dem hypnotisierenden Psychiater – pendelt Nesbø mitunter zwischen Klischee und Realität. Aber dann freut man sich wieder, wenn alte Bekannte vorbeischauen. Kaja Solness zum Beispiel, Ex-Kollegin und Ex-Liebschaft von Harry Hole, die man aus „Leopard“ kennt. Holes Welt ist einem vertraut, man fühlt sich heimisch in ihr, kennt die Bewohner, ihre Vorzüge, ihre Abgründe. Oder etwa doch nicht?

Neu Erschienen

Jo Nesbø
„Messer - Ein Fall für Harry Hole“

Übersetzt von
Günther Frauenlob Ullstein

576 Seiten
24,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2019)