Consulter im Aufwind: Von Restrukturierung bis Wachstum

Consulter Aufwind Restrukturierung Wachstum
Consulter Aufwind Restrukturierung Wachstum(c) AP (JoergSarbach)
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Ob Kostenoptimierung oder Neuausrichtung der Strategie: Der Beratungsbedarf in Unternehmen ist groß. Grund genug für die Branche, wieder eifrig neue Mitarbeiter zu rekrutieren.

Die heimischen Consultingunternehmen üben sich in Optimismus: Nach der spürbaren Konsolidierung im Vorjahr rechnet die Branche für 2010 mit Wachstum. Von einem Level wie vor der Krise wird freilich nicht ausgegangen. Aber die Unternehmen profitieren davon, dass ihren Kunden wieder Budgets für Beratungsleistungen zur Verfügung stehen.

„Vor einem halben Jahr war die Stimmung noch viel schlechter“, sagt Rainer Reich, Senior-Partner und Geschäftsführer bei The Boston Consulting Group (BCG) in Wien. Trotz Krise sei das Unternehmen im Vorjahr gewachsen, „zwar nicht im zweistelligen Bereich, aber immerhin einstellig“. Weitaus schwerer traf es dagegen viele kleinere, weniger breit oder international aufgestellte Mitbewerber – sie fuhren zum Teil erhebliche Verluste ein.

Insgesamt verlief das Geschäft für die Branche im Vorjahr in den Kernmärkten stabil bis leicht rückgängig – allerdings mit Zuwächsen in einzelnen Bereichen. Die bestimmenden Themen verschoben sich durch die Krise: Vor der weltweiten Rezession drehte sich alles ums Wachstum, jetzt sind vor allem Kostenoptimierungs- und Restrukturierungsstrategien gefragt.

Rupert Petry, Managing Partner bei Roland Berger, ortet allerdings erste Anzeichen einer neuerlichen Verlagerung der Schwerpunkte: „Während einige Unternehmen noch ihre Wunden lecken, beschäftigen sich andere wieder mit Wachstumsstrategien“ – unter anderem mit der Frage, was strukturelle Verschiebungen zwischen den Märkten für ihr Geschäftsmodell bedeuten. Klaus Malle, Country Managing Director bei Accenture, spricht von einem starken Bedarf nach „kundenzentrierten“ Lösungen. Besonders gefragt sei das Thema Post Merger Integration. Wobei solides Beratungs-Know-how nicht mehr reiche – zusätzlich müsse man den Kunden auch Umsetzungskompetenz bieten können.

Internationalisierung

Unverändert starken Beratungsbedarf bescheinigt Malle den IT-intensiven Branchen. Ein aktueller Beratungsschwerpunkt: die Konsolidierung von IT-Lieferanten. Das Einsparungspotenzial liege bei rund 40 Prozent.

Zu den größten Herausforderungen gehört laut Branchenexperten die Geschwindigkeit, mit der sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen ändern. „Gleichzeitig bieten die Märkte aber auch viele neue Chancen“, so Malle. Eine wesentliche Erkenntnis sei, dass man sich nicht mehr auf erprobte Geschäftsmodelle verlassen könne. So sei aktuell zu beobachten, dass viele in Osteuropa engagierte Unternehmen ihre Strategie hinterfragen, denn „die Region ist zwar attraktiv, global gesehen gibt es aber viel interessantere Länder“. Etwa China, Indien, Brasilien. Österreichische Unternehmen müssten stärker als bisher in Netzwerken denken und auf internationale Partnerschaften setzen.

Ein Thema, das in der CEE-Region an Bedeutung gewinnt, ist laut Petry die zunehmende Professionalisierung der Kunden. „Das heißt auch, dass die Berater mehr Spezialisten brauchen, vor allem solche mit internationaler Industrieexpertise. Ausschließlich über lokales Know-how zu verfügen, reicht heute nicht mehr“, so der Experte. Bei Roland Berger betreibe man derzeit „massives“ Recruiting, nicht nur in Westeuropa. Gesucht werden vor allem Mitarbeiter mit langjähriger Erfahrung.

»Bilden Leute selber aus«

Einen etwas anderen Ansatz verfolgt BCG. Zwar werden auch dort Leute mit Berufserfahrung aufgenommen, vor allem sei das Geschäftsmodell aber darauf ausgelegt, „dass wir unsere Mitarbeiter direkt von der Uni holen und dann weiter ausbilden“, so Reich. Im Vorjahr wurden zehn Mitarbeiter für den Standort Wien rekrutiert, heuer sollen zwölf oder 13 aufgenommen werden. Insgesamt will man in Deutschland und Österreich 170 Berater einstellen. Accenture wiederum hat derzeit starken Bedarf an IT-Spezialisten, nicht nur in Österreich, sondern auch an den Standorten in Deutschland und der Schweiz.

Und wie reagieren die Kundenunternehmen auf den zumindest in bestimmten Bereichen gestiegenen Beratungsbedarf? Klare Trends zum Out- oder Insourcing von Beratungsdienstleistungen seien derzeit nicht auszumachen, sagen Experten. Aber in so gut wie jedem Unternehmen setze man sich mit der Frage auseinander, was man selbst machen und was man zukaufen soll.

Weitblick gefragt

Dabei spreche oft für externe Berater, dass sie einen objektiveren Zugang verfolgen – in bestimmten Situationen seien jedoch starke Inhouse-Kompetenzen von Vorteil. „Wir gehen mit dem Thema sehr offen um“, meint Reich. „Für uns ist es auch wichtig, bei unseren Kunden auf qualifizierte Leute zu treffen, mit denen man gut zusammenarbeiten kann.“

Ein erfolgreiches Consultingunternehmen brauche Weitblick und Fingerspitzengefühl, konstatiert der Experte. Denn: „Man kann nicht warten, bis die Themen vor der Tür stehen, sondern muss sie mit den Kunden gemeinsam vorwegnehmen.“ Die große Kunst für den Berater sei dabei, das richtige Timing zu finden. Nachsatz: „Zu früh ist schlecht, zu spät noch schlechter.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2010)


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