Büchermord im Vormärz

Diesen Freitag nach eins hat es auf der Sonnenterrasse unserer Gegengift-Abteilung in Erdberg ausnahmsweise nicht geregnet...

– Grund genug für mich, die versäumte Lektüre der mächtigen „Zeit“ in aller Ausführlichkeit nachzuholen und bis zur voluminösen Doppelseite über Klassiker vorzustoßen, die man getrost vergessen könnte. Das trifft sich gut. Wer will schon die falschen Texte in den Sommerurlaub mitnehmen?

Autoren unter 35 haben den Kanon des 20. Jahrhunderts geprüft, sie sind bereit, einiges vom Bücherbord zu werfen. Thomas Melle hält die „Mystikblase“ Celan für geplatzt, Steffen Popp räumt radikal auf: Weder Kafka noch Johnson noch Grass kommt ungeschoren davon. Auch Bücher von Pound, Benn, Wolf und Eich werden verräumt.

Ich bin schockiert und höre noch vor den Entsorgungstipps von Thomas Klupp und Clemens Setz zu lesen auf, nachdem ich aus den Augenwinkeln erhasche, dass sie mit Döblin und Bachmann kurzen Prozess machen. Malina gemobbt! Ja, dürfen die denn das? Nicht einmal Hemingway, Frisch, Brecht und Carver waren vor diesen zehn Stürmern und Drängern sicher. Sogar die heiligsten Texte von ewigen Österreichern sind unter den Opfern.


Völlig verunsichert frage ich bei Kollegen nach, die auf dem Sonnendeck eingetroffen sind. Wen halten sie für überflüssig? Hesse, gesteht eine, Doderer und den mit dem „Mann ohne Eigenschaften“ ein anderer. Ich atme tief durch und denke an Grillparzer. Den hätte ich beim Studium auch am liebsten verräumt.

Heute aber weiß ich, dass es klug war, seine Bücher zu behalten. Der Hoftheaterdichter ist aktueller als viele Jungstars. So viel Biedermeier und Vormärz wie in diesen Tagen war schon lange nicht mehr.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2010)

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