Tatort Internet: Betrug bis „Sexting“

Frau mit Smartphone
Frau mit Smartphone(c) REUTERS (David Mercado)
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Wahlkampfbedingt wurden Rohdaten der Statistik präsentiert. Während die „analoge“ Kriminalität stagniert, steigen bei allen Formen von Onlinedelikten die Zahlen massiv.

Wien. Der Wahlkampf überschattet derzeit alles – auch die Arbeit der Polizei. Und so wurde am Montagabend die aktuelle Kriminalstatistik präsentiert – auf Basis von Rohdaten, und nicht (wie gewohnt) mit Daten, die zusätzlich wissenschaftlich evaluiert wurden.

Der Hintergrund: Normalerweise wird die Kriminalstatistik zuerst von der Polizei ausgewertet, danach mit einem wissenschaftlichen Beirat (Kriminalpsychologie/Universität Wien) evaluiert und dann veröffentlicht. Wie bei dem Hintergrundgespräch zu erfahren war, fehlt noch die wissenschaftliche Evaluierung in den meisten Bereichen – weshalb (bis auf Cyber-Kriminalität) nicht genaue Zahlen genannt wurden, sondern nur Tendenzen. Warum die Kriminalstatistik trotzdem präsentiert wurde? Der Wahlkampf! Man habe sich nicht vorwerfen lassen wollen, die Veröffentlichung der Kriminalstatistik bewusst bis nach der Wahl zu verzögern, hieß es. Die Details:

Mehr Anzeigen

Von Jänner bis Juni hat die Polizei 240.159 Anzeigen bearbeitet. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2018 bedeutet das ein Plus von 4,8 Prozent – das sind 9414 angezeigte Delikte mehr. Die Aufklärungsquote liegt mit 51,7 Prozent unter jener des ersten Halbjahrs 2018 (54 Prozent). Wobei die Polizei davon ausgeht, dass die Quote noch steigt.

Ein zentraler Punkt, der aus diesen Zahlen nicht hervorgeht: Die Kriminalität ist nicht generell gestiegen, sondern in den meisten Bereichen sogar gesunken. Die Steigerung bei den Anzeigen geht nahezu ausschließlich auf die explosionsartige Steigerung im Bereich der Internetkriminalität zurück.

Cyber-Kriminalität

Das Sorgenkind der Polizei ist die Internetkriminalität. Nach kontinuierlichem Anwachsen in den vergangenen Jahren explodierte heuer die Kriminalität in diesem Bereich förmlich. Konkret stehen 13.020 Anzeigen im ersten Halbjahr 8659 aus dem ersten Halbjahr 2018 gegenüber. Das entspricht einer Steigerung von 50,4 Prozent. In diesen Bereich fallen nicht nur Hacker, die online Geld stehlen oder fremde Daten verschlüsseln, um Lösegeld zu erpressen. Dazu gehört auch der Betrug, Waren bei Onlinehändlern mit falscher Identität zu bestellen und nicht zu bezahlen – oder Waren im Internet anzubieten, die nach Bezahlung nicht geliefert werden. Deshalb rät Franz Lang, Vizegeneraldirektor für die Öffentliche Sicherheit, nie per Vorauskasse zu zahlen, vor allem bei privaten Geschäften über Plattformen: „Das Geld ist dann oft weg.“

Problem Sexting

Ebenfalls explosionsartig vermehrt haben sich Anzeigen wegen der sexuellen Darstellung Minderjähriger, konkret um rund 145 Prozent. Dieser enorme Anstieg ist auf das sogenannte Sexting zurückzuführen. „Opfer und Täter sind in derselben Alterskategorie“, meint dazu Lang. Das heißt: Minderjährige senden einander (oft als Liebesbeweis) Nacktfotos von sich über z. B. WhatsApp. Rechtlich berührt das den Bereich der Kinderpornografie. Vor allem, wenn der Empfänger die Nacktfotos (z. B. nach Ende der Beziehung als Rache) an Freunde weiterleitet oder ins Internet stellt.

Morde stagnieren

Im ersten Halbjahr hat eine Serie von Morden an Frauen für Entsetzen gesorgt. In der Statistik spiegelt sich das nicht in Form einer entsprechenden Entwicklung wider. Die Zahl der Tötungsdelikte war im ersten Halbjahr gleich hoch wie im Halbjahr 2018 – in Wien ist die Zahl der Morde sogar „deutlich gesunken“, wie Lang betonte; ohne allerdings genaue Zahlen zu nennen, nachdem diese Zahlen noch nicht offiziell sind. Eine Zunahme ortete Lang jedenfalls bei der Zahl der Mordversuche.

Nebenbei: Im Herbst soll das Ergebnis jener Gruppe präsentiert werden, die nach spektakulären Frauenmorden ins Leben gerufen wurde. Sie soll bisherige Morde und Mordversuche analysieren und Präventionsmaßnahmen entwickeln.

Die Verdächtigen

In den ersten sechs Monaten des heurigen Jahres konnte die Polizei insgesamt 159.197 Tatverdächtige ausforschen und anzeigen. Wobei das nicht heißt, dass die Verdächtigen das Delikt wirklich begangen haben müssen – darüber entscheidet naturgemäß ein Gericht.

Der Anteil der „fremden Tatverdächtigen“, wie es die Polizei formuliert, lag heuer bei 41 Prozent. Das sind 65.211 Personen. Gegenüber dem Halbjahr 2018 ist dieser Anteil konstant geblieben. Die häufigsten Herkunftsländer dieser Tatverdächtigen waren Deutschland (6.692 Personen), Rumänien (6.689 Personen), Serbien (6.041 Personen), Türkei (4.125 Personen) und Afghanistan (3.414 Personen).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2019)

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