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Bulgarien kontert Moskaus Geschichtsversion

REUTERS
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Das bulgarische Außenamt widerspricht der russischen These, dass die Rote Armee 1944/45 Jahrzehnte der Befreiung gebracht hätte.

Die vom Kreml forcierte Interpretation der Geschichte des Zweiten Weltkriegs – Motto: Wir waren niemals (Mit-)Täter, sondern immer nur Opfer – verärgert zunehmend sogar Staaten, die bisher als Russland-freundlich galten. Wie zum Beispiel Bulgarien. Am 9. September soll im Russischen Kultur- und Informationszentrum in Sofia eine Austellung unter dem Titel „75 Jahre der Befreiung Osteuropas vom Nationalsozialismus“ eröffnet werden.

Offenkundig bekamen bulgarische Offizielle die von der russischen Botschaft zusammengestellte Schau und die darin vertretene Propagandalinie bereits zu Gesicht. Denn am Dienstag veröffentlichte das Außenministerium in Sofia eine ungewöhnlich harsche Erklärung. Darin heißt es: „Die Bajonette der Rotarmisten brachten den Einwohnern Mittel- und Osteuropas ein halbes Jahrhundert der Repression, der Unterdrückung des zivilen Bewusstseins, der verzerrten wirtschaftlichen Entwicklung und der Abkoppelung von den entwickelten Staaten Europas.“

Zwar zollt das bulgarische Außenamt der kritischen Rolle der Sowjetunion bei der Niederringung Nazideutschlands im Zweiten Weltkrieg die gebührende Anerkennung. Doch für Mittelost- und Südosteuropa habe die zwangsweise Eingliederung in die sowjetische Einflusszone nach der 1944/45 erfolgten Befreiung „45 Jahre eines totaltiären Regimes“zur Folge gehabt.

20.000 Opfer

Die Rote Armee begann mit ihrem Einmarsch in Bulgarien am 8. September 1944. Tags darauf wurde die damalige Regierung von Konstantin Murawiew von einem Bündnis aus Kommunisten sowie linken Offizieren und Parteienvertretern gestürzt und das Land auf einen prosowjetischen Kurs gedrängt. Bulgarien wurde zu einem der treuesten Verbündeten der Sowjets. Doch die kommunistische Machtübernahme forderte nach Historikerschätzungen über 20.000 Todesopfer in Bulgarien: Gegner der Kommunisten, die entweder exkutiert wurden oder im Gefängnis umkamen.

Die bulgarische Seite appellierte vor diesem Hintergrund an Russland, keine „dubiosen“ historischen Behauptungen („75 Jahre der Befreiung“) aufzustellen und sich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen.

Bulgarien wird derzeit von der Mitte-Rechts-Partei „Gerb“ von Bojko Borissow regiert. Das Land ist EU- und Nato-Mitglied, pflegt aber traditionell gute und enge politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Moskau. Mit der geplanten Ausstellung im Kultur- und Infromationszentrum ist die russische „brüderliche“ Umarmung aber ganz offensichtlich wieder einmal übertrieben kräftig ausgefallen. (b.b. Reuters, bloomberg)