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Charles Taylor: "Dorfatheisten scheinen zu schwinden"

Charles Taylor Dorfatheisten scheinen
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Einer der weltweit am meisten anerkannten Philosophen, Charles Taylor, lebt und arbeitet derzeit in Wien. Hier spricht der Katholik über Habermas und die Jesuiten, die Wut der Atheisten und die Angst der Fundamentalisten.

Verständlichkeit ist eine Ihrer Tugenden, sagen viele Ihrer Kollegen. Ihr Lehrer in Oxford, Isaiah Berlin, soll über modische französische Philosophen geklagt haben, die er nicht verstehe: „Nicht einmal Charles Taylor konnte sie mir erklären“, hat er gesagt. Verstehen Sie diese Philosophen?

Charles Taylor:Berlin sagte das auch über Martin Heidegger. Ich habe ihm auch über ihn nicht viel erzählt.

 

Sie haben damals vor 50 Jahren eine Dissertation über den Behaviorismus geschrieben, der damals noch blühte. Gab es einen Punkt, an dem Sie wussten – jetzt habe ich das Killerargument gegen B. F. Skinner?

Der Behaviorismus ist kurz nach Veröffentlichung meines Buches gestorben, aber nicht wegen meiner Dissertation. Das hat Noam Chomsky erledigt. Dieser Linguist hat den finalen Schlag gesetzt, mit einer Rezension über „Verbal Behavior“, die das Werk zerrissen hat. Das war in einem gewissen Kontext tatsächlich ein Killerargument in wenigen treffenden Sätzen. Damit hat ein gänzlich neues Kapitel der Philosophie (des Kognitivismus) begonnen.

Behaviorismus ist eine sehr säkulare Form der Philosophie. Ihr vor drei Jahren erschienenes Opus magnum, das den Säkularismus über mehrere Jahrhunderte seit den Anfängen der Moderne betrachtet, nimmt in gewisser Weise den alten Kampf dagegen wieder auf. Hatte Ihr umfangreiches Werk eine lange Entwicklungsphase?

Ja. Es gibt Parallelen. Der Geist des Behaviorismus hat ja weitergewirkt, bei jenen, die eine Computertheorie des Geistes entwarfen. Sie denken, dass wir einen vollständigen Bericht über das menschliche Leben liefern können, in postgaliläischer Naturwissenschaft, ohne Hinweis auf das Denken, die Intentionalität oder die Absicht. Das ist noch immer ein mächtiges Dogma bei vielen Menschen der akademischen Welt, bei Daniel Dennett zum Beispiel und seinem Reduktionismus, seinen Computermodellen. Viele dieser Leute sind sehr antireligiös.

Wie war Ihre eigene Reaktion auf die Reaktionen zu „Ein säkulares Zeitalter“? Würden Sie es heute anders schreiben?

Ich war sehr überrascht über die vielen Reaktionen. Noch vor dreißig Jahren glaubte man an sehr simple Säkularisierungstheorien, es gab also einen Mangel an neuen Vorschlägen. Die Säkularisierung erfolgte nicht so geradlinig, wie man annahm. Es gibt, wie ich in meinem Werk beschreibe, nicht einen singulären Prozess der Moderne. Die Romantik gehört ebenso zur Moderne wie der technologische Fortschritt.

 

Gab es Missverständnisse der Rezeption?

Wenn man die verschiedenen Positionen des Denkens darstellt, kann ein Leser bei flüchtiger Lektüre glauben, dass es meine Positionen sind. Es gab Rezensenten, die mir Ansichten zuschrieben, die ich nur referiert hatte. In der „New York Times Book Review“ schrieb jemand absoluten Strudel über mich. Meine Freunde fragten: „Worüber spricht der denn?“ Und die Atheisten waren ganz offenbar nicht an einer Debatte interessiert.

Glauben Sie, dass im Zuge der Missbrauchsdebatte die Feindseligkeit gegen Religion zunimmt?

Nein. Ein Teil der längerfristigen Veränderungen, über die wir zuvor gesprochen haben, bestehen darin, dass man wieder mehr über Religion nachdenkt, weil sie nicht wegzubringen ist. Die Dorfatheisten scheinen zu schwinden. Vielleicht sind deshalb Leute wie Richard Dawkins so wütend. Sie sind in einer vergleichbaren Situation wie die Bischöfe, als Charles Darwin auftauchte. Sie sind nur ein gegenläufiges Symptom für die wachsende Toleranz.

 

Woher kommt diese Emotion?

Leute wie Dawkins oder Christopher Hitchens empfinden es offenbar als destabilisierend, wenn die Verteidigung des Atheismus, also des gesellschaftlichen Fortschritts, ins Stocken gerät. Sie fürchten, dass sie die Religion niemals loswerden. Das macht sie wütend. Da gibt es eine Parallele zum Zweiten Vatikanum. Als das Neuerungen brachte, fühlten sich die Traditionalisten unter den Katholiken auch irgendwie beraubt.

 

Sie sind aus einer katholischen Familie...

Zum Teil. Es gab auch Anglikaner, es gab alle Optionen.

 

War Ihr Aufwachsen in Kanada in einer Umgebung mit französischen und angelsächsischen Vorfahren mitbestimmend dafür, dass auch Ihre Philosophie synkretistisch zu sein scheint?

Es hatte tief gehende Auswirkungen, auch, dass ich zweisprachig aufgewachsen bin. Intellektuell weiß man dadurch, wie wichtig die Sprache und die Differenz zwischen den Sprachen sind. Herders Verständnis der Sprache ergab für mich sofort einen Sinn.

 

Was haben die Historiker zu Ihrem Buch gesagt, das voller Geschichten und Geschichte ist. Sah man das als Grenzüberschreitung eines Philosophen in ihr Gebiet? Und wie haben die Theologen reagiert?

Eine heftige Reaktion der Historiker habe ich befürchtet. Ich warte noch auf den ersten Schuss, aber noch ist es ruhig. Und von Theologen kam schon der Vorwurf, wie unkultiviert ich theologisch wäre. Die meisten waren aber nicht feindselig.

 

Warum fokussieren sich die Kontroversen zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen in den säkularen USA ausgerechnet auf Fragen, die im Grunde keine konfessionell-religiösen, sondern eher anthropologische sind, auf Abtreibung und die Ehe zwischen Homosexuellen?

Eines der wichtigen Phänomene zumindest des letzten halben Jahrhunderts war, dass sich der Fundamentalismus im Niedergang befand. Man fühlte sich von der „New York Times“ verachtet, nicht ernst genommen. Sie sammelten sich um Flaggen wie Abtreibung, Schulgebet, Homosexualität. Das sind stark aufgeladene Begriffe. Andere Lebensweisen verunsichern den Durchschnittsbürger. Hören Sie auf Sarah Palins Motto „Taking back America!“, als ob es einem weggenommen worden wäre. Das ist voller Emotion. Ein guter Freund von mir, ein Atheist, sagte darüber: „Ich hatte eine Eingebung: Die fürchten sich!“ Manchmal, wenn man die Leute dazu bringt, über ihre Ängste zu reden, kann sich Außerordentliches daraus entwickeln. Vielleicht könnte ein Mensch wie Barack Obama das bewerkstelligen – aber der amerikanische Präsident hat doch ohnehin schon so viel zu tun.

Einer der bemerkenswertesten Philosophen der Gegenwart, Jürgen Habermas, scheint sich mit Ihren Büchern sehr genau beschäftigt zu haben.

Ja, wir sind auch im Gespräch. Es gibt immer noch starke Differenzen zwischen uns, aber er ist heute deutlich beeindruckter als früher vom möglichen Beitrag, den das katholische Denken leisten könnte. Er hat da neuerdings gute Beziehungen zu den Jesuiten in München.

Wie erklären Sie einem Atheisten die Schönheit der jüdisch-christlichen Sicht?

Am besten ist sich zusammenzusetzen und zu versuchen, dem anderen zu erklären, was die eigene Position so machtvoll macht. Man sieht dann, dass die Positionen, die auf Angst basieren, irrig und gefährlich sind. Aber es gibt auch andere. Was ich zum Beispiel an Dawkins' Büchern schätze, ist diese Essenz des modernen Unglaubens: das Überwältigtsein von einem ungeheuren Universum in seiner ungeheuren Komplexität – in gewissem Sinn ein Mysterium, auch wenn er dieses Wort nicht verwendet. Und ich denke, darin liegt etwas Wertvolles, von dem wir alle profitieren können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2010)