Vor einem Jahr wurde ein Guru der Ravidassia-Sekte von fanatischen Sikhs ermordet. Im Tempel will die Gemeinde nun vor allem eines finden: Frieden.
Die Terroristen haben unseren Guru getötet.“ Balvinder Kumar wirkt nach außen nicht zornig, doch die Erinnerung ist beim Präsidenten des Ravidassia-Tempels in der Wiener Pelzgasse nach wie vor präsent. Und auch im Tempel selbst sieht man noch Spuren der Ereignisse vom 24. Mai 2009 – zwei Einschusslöcher in der Wand. „Dort“, deutet er, „ist unser Guru gesessen.“
Es war wie aus dem heiteren Himmel gekommen. Kaum jemand in Wien, nicht die Polizei, nicht der Verfassungsschutz, hatte damit gerechnet, dass es in dem kleinen Gebäude in Wien Rudolfsheim zu einem Ereignis kommen sollte, dessen Wellen bis in den indischen Bundesstaat Punjab schlugen – und dort zu tagelangen Unruhen führten. Es war ein religiöser Konflikt, der in Indien schon länger wütete, der aber schließlich in Wien einen traurigen Höhepunkt erfuhr.
Es war ein Konflikt zwischen zwei Religionsgemeinschaften, die in Wien noch bis vor einigen Jahren im selben Tempel beteten. Denn bis 2005 hatten die Ravidassia keinen eigenen Gebetsraum – sie verrichteten ihre Gebete im Tempel der Sikhs. Doch mit der Zeit kam es dort zu Spannungen. Die Anhänger der Ravidassia gehören zur Kaste der Dalit, der „Unberührbaren“– jenen Menschen, die nach hinduistischer Tradition als „unrein“ betrachtet und von den Angehörigen höhergestellter Kasten verachtet werden.
Niedrige Kaste. Zwar wurde das Kastenwesen in Indien 1949 abgeschafft, doch vor allem im ländlichen Raum ist diese Tradition noch immer verbreitet. Auch bei den Indern in Österreich spielen diese Kasten noch eine gewisse Rolle. Und obwohl die Sikhs sich eigentlich gegen das Kastenwesen aussprechen, gab es immer wieder Schwierigkeiten. Bis man sich schließlich entschloss, einen eigenen Tempel zu errichten. Ein unscheinbares Haus ist seit damals das Hauptquartier für die rund 300 Ravidassia in Österreich.
Schon rein äußerlich gibt es zwischen Sikhs und Ravidassia einige Unterschiede. So müssen Sikhs etwa Bart und Turban tragen und immer einen Dolch mit sich führen. Bei den Ravidassia gibt es diese Tradition nicht.
Die Lehre der Ravidassia geht auf den nordindischen Mystiker und Dichter Ravi Das zurück, der um 1450 in Indien geboren wurde. Seine Schriften sind die Grundlage, auf die sich seine Anhänger berufen. Und viele Verse des Gurus fanden sich auch in den religiösen Schriften der Sikhs wieder, die im 17. Jahrhundert in einem Buch zusammengefasst wurden. Und dieses gemeinsame heilige Buch „Guru Granth Sahib“ ist auch einer der Hauptgründe für den Streit zwischen Sikhs und Ravidassia. Auch um das Buch wird gestritten – die Sikhs sprechen den Ravidassia das Recht ab, es zu lesen.
Doch das ist nicht das einzige Problem im Verhältnis der beiden Religionen. Im Sikhismus ist es etwa nicht erlaubt, sich selbst Guru zu nennen – diese Bezeichnung steht nur den zehn historischen Gurus zu. Dazu gehören Guru Nanak Dev, der Religionsstifter, und seine neun Nachfolger. Bei den Ravidassia werden aber auch noch heute lebende Gurus verehrt.
Guru Sant Rama Nand war einer davon. „Das ist ein Bild von ihm“, erzählt Kumar und deutet auf eine Abbildung, die um die beiden Einschusslöcher in der Wand montiert wurde. „Sein Name wird strahlen wie die Sonne, solange die Welt existiert“, steht neben dem Bild des kleinen Mannes mit langem weißem Bart und rosa Turban. Es ist eine Gedenktafel, die an den ermordeten Guru erinnern soll. Die den Menschen hier immer wieder in Erinnerung ruft, was hier geschah.
An jenem 24. Mai war der Guru eigens aus Indien hierhergekommen, gemeinsam mit einem zweiten Guru – Niranjam Dass. Mitten in der religiösen Feier im Tempel sprang ein Mann plötzlich auf, zog eine Pistole und schoss. Niranjam Dass überlebte verletzt, Sant Rama Nand wurde tödlich getroffen. Mit Bratpfannen und Eisenstangen gingen die Gläubigen auf die Attentäter los – insgesamt sechs Männer waren es. Der Haupttäter erlitt bei den Attacken einen Schädelbruch. Die sechs Inder werden nun wegen Mordes und Mordversuchs angeklagt.
Zwar distanzierte sich die Wiener Sikh-Gemeinde vom Attentat, doch ist das Verhältnis zwischen beiden Gemeinschaften nun deutlich unterkühlt. „Wir begrüßen uns schon auf der Straße“, sagt Kumar, „aber über Religion sprechen wir nicht.“ Von einem tiefen Graben, den das Attentat zwischen Sikhs und Ravidassia gerissen hat, spricht man im Tempel. „Die Mörder sollen die höchste Strafe bekommen.“
Eigenes heiliges Buch. Doch abgesehen davon betont Kumar, dass man nun vor allem Frieden wolle. Auch mit den Sikhs. Als Zeichen dafür hat man das Exemplar des ehemals gemeinsamen heiligen Buchs den Sikhs zurückgegeben. Stattdessen beschloss die weltweite Ravidassia-Gemeinde, sich ein eigenes heiliges Buch zu geben. Das „Amrit Bani Satguru Ravidass Ji“ enthält die 40 wichtigsten Verse des Guru Ravi Dass – am 21. Februar wurde das erste Exemplar feierlich von Indien in den Wiener Tempel überstellt.
Und um der Ereignisse des Vorjahres zu gedenken, lädt die Gemeinde am 30. Mai zu einer großen Feier in den Tempel in der Pelzgasse. Bis zu 1500 Gäste aus der ganzen Welt werden erwartet. Ein Zeichen der Versöhnung will man hier setzen. Und der Hoffnung, dass die Ravidassia-Gemeinde hier in Österreich endlich Frieden finden kann.
300 Menschen bekennen sich in Österreich zur Ravidassia-Religion. Die monotheistische Religion ist mit dem Sikhismus verwandt. Ihre Anhänger stammen aus der niedrigsten indischen Kaste (Dalit).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2010)