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Falsifiziert: E. coli

Ein Wiener Kinderarzt entdeckte E. coli als ganz natürlichen Teil des Verdauungstraktes - in einer Zeit, als Bakterien ausschließlich als krankmachend verschrien waren.

 

Über den Streit, wodurch Infektionskrankheiten ausgelöst werden, wurde an dieser Stelle bereits berichtet. Über Jahrtausende war die Theorie der „Miasmen“, krankmachender Ausdünstungen der Erde, weit verbreitet. Erst nachdem man Bakterien mit Mikroskopen sichtbar machen konnte und als Erreger von Typhus, Tuberkulose, Cholera und Co erkannte, war der Disput entschieden: Ab 1880 konnte niemand mehr die krankmachende Wirkung von Bakterien bezweifeln.

Bis dann ein Problem auftauchte: In den Exkrementen von gesunden Menschen und Tieren wurden ebenfalls Bakterien gefunden. Und zwar nicht wenige: Rund 30 Prozent der Masse des Stuhls sind Bakterien. Insgesamt kommen auf jede Zelle des menschlichen Körpers zehn Bakterien. Viele Forscher sahen darin – dem Geist der Zeit entsprechend – eine Krankheit. Darmreinigungen kamen bei Ärzten in Mode, der schottische Chirurg William Arbuthnot-Lane – seines Zeichens Mitglied der „Royal Society of Medicine“ – empfahl seinen Patienten sogar die Entfernung des Dickdarms, um die Darmbewohner loszuwerden.

Heute ist klar, dass Darmbakterien keine Krankheit sind. An der Überwindung dieser unsäglichen Ansichten war an vorderster Front ein österreichischer Forscher beteiligt: der Kinderarzt Theodor Escherich. Als Professor in München, Graz und Wien – ab 1902 leitete er das St. Anna Kinderspital – entdeckte er, dass sich schon 14 Stunden nach der Geburt eines Kindes im vorher sterilen Stuhl Bakterien befinden. 1884 gab er diese Erkenntnis bekannt, er nannte die Organismen „Bacterium coli commune“. Der erste Kontakt der Säuglinge mit diesen Bakterien erfolgt unmittelbar bei der Geburt; durch Stillen entwickelt sich sehr rasch eine gesunde „Darmflora“, die den Organismus vor dem Eindringen und Vermehren schädlicher Bakterien schützt. In Folge wurde immer klarer, dass die Darmbakterien nichts Böses (zumindest solange sie im Darm sind), sondern ein ganz normaler Teil der Verdauung von Tieren und Menschen sind. Ja, noch mehr: Sie erfüllen im Stoffwechsel auch lebenswichtige Aufgaben.

Es hat allerdings einige Zeit gedauert, bis sich diese Erkenntnis allgemein durchgesetzt hat. Escherich wurde schließlich posthum dafür geehrt: Im Jahr 1919, acht Jahre nach seinem Tod, wurde das Bakterium zu Ehren seines Entdeckers Escherichia coli – kurz: E. coli – genannt. Das Bakterium hat seither große Karriere gemacht: Es ist der mit Abstand am besten untersuchte Mikroorganismus. An ihm wurde im Jahr 1973 die erste Genmanipulation durchgeführt, heute werden in E. coli Dutzende lebensrettende Medikamente hergestellt.

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2010)