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Doku-Soap: Wüstenfamilie im Wasserschloss

DOKUSOAP
(c) El-Gawhary
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Im letzten Teil unserer Familiensaga aus Kairo erfahren wir, warum es in ägyptischen Wohnungen überall tropft und rinnt.

Es tropft an allen Ecken und Enden in Hamdy Oukels kleiner Wohnung im Zentrum Kairos. Kaum eine Dichtung hält mehr, was ihr Name verspricht. Weder im Bad noch in der improvisierten Küchenecke. Und die Klospülung gleicht einem steten kleinen Wasserfall, obwohl sie nicht den in Ägypten verbreiteten Markennamen „Niagara“ trägt.

Eine neue Spülung kostet Geld. „Im Sommer“, sagt Hamdy, werde ich genug haben, um mir eine neue zu leisten. Die hier, erklärt er, ist völlig kaputt, er öffnet den schweren Deckel, und die Bescherung wird deutlich: Der Schwimmer, der dafür sorgen soll, dass die sich Spülung nach dem Knopfdruck und dem Volllaufen des Spülkastens abschaltet, ist auf Tauchstation. Das Ergebnis ist der stete Strom von Trinkwasser, das sich nach einem kurzen Intermezzo beim Durchlaufen der Kloschüssel in Abwasser verwandelt.

Die wüsten Wasserverschwender. Im Wüstenland Ägypten geht man recht lax mit dem kostbaren Nass um. Das mag daran liegen, dass die Niltalbewohner in ihrer Geschichte nie daran gedacht haben, dass man Wasser auch sparen könnte. „Ägypten ist ein Geschenk des Nils“, sagte schon der antike Historiker Herodot. An der Klospülung der Oukels fehlt also eigentlich nur die Geschenkschleife.

Auf die unglaubliche Wasserverschwendung angesprochen, blickt Hamdy verlegen auf den gefliesten Boden des Bades. Österreicher verbrauchen pro Tag im Schnitt 130 Liter Wasser, Ägypter 350 bis 400 Liter. Wäscht sich der Wüstensohn also mehr als der Alpenländer? Ist er durstiger? Mitnichten: Die Differenz ergibt sich nicht nur aus tropfenden Wasserhähnen – ein Großteil des Wassers, welches das Wasserwerk verlässt, kommt gar nicht in die Häuser. Das Nationale Forschungsinstitut in Kairo schätzt, dass gerade 15 (!) Prozent des in die Leitungen gepumpten Wassers am Ende auch bei den Konsumenten ankommt. Der Rest versickert unterwegs – wegen des veralteten, undichten Leitungssystems.


In der Früh reicht der Druck. Das ist wohl auch der Grund, warum im Armenviertel Dar El-Salam, in dem Hamdys fünfköpfige Familie wohnt, oft viel zu wenig Druck auf den Leitungen ist. Früher kam oft gar nichts mehr in der Oukel-Wohnung im zweiten Stock an. Die Familie stand oft um fünf in der Früh auf, um an den heißen Sommertagen duschen zu können. Wenn alle Nachbarn noch schliefen, reichte der Druck gerade aus. „Das“, erzählt Hamdy, „hat sich dummerweise bald bei den Nachbarn herumgesprochen.“

Hamdys Lösung vor vier Jahren war, eine gebrauchte Pumpe zu besorgen. Mit deren Viertel-PS war er den Nachbarn wieder voraus. Bis die nachrüsteten. Nun hört man am Hauseingang zur Stiege ein wahres Pumpkonzert – darin auch Hamdys neue Pumpe made in China. Die musste er 2009 kaufen, als die alte aus Italien den Geist aufgab. Eine neue aus Italien war zu teuer, die würde ihn ein Monatsgehalt kosten.

Apropos Geld: Das ganze Haus hatte vier Jahre die Wasserrechnung nicht bezahlt. Als das Werk den Haupthahn abdrehen wollte, hat Hamdy mit Müh und Not von allen das Geld eingesammelt – und als er beim Wasserwerk zahlen ging, hatte er gleich noch seinen eigenen Wasserzähler beantragt, den er jetzt stolz im Hauseingang zeigt. Mit seinen Nachbarn möchte er keine offenen Rechnungen mehr haben.

Und weil Hamdy gerade dabei war, sein Leben gegenüber den städtischen Dienstleistungsinstitutionen neu zu ordnen, ist er gleich noch zu den Stromwerken gegangen und hat endlich den Stromzähler auf seinen Namen umgemeldet. Der lief zuvor noch auf den Namen des Vorvormieters. Ein Problem für Hamdy, denn mangels eines vernünftigen Melderegisters in der 18-Millionen-Stadt Kairo verlangen die Behörden oft die letzte Stromrechnung als Wohnsitznachweis.

Das Leben der Oukels war also wieder in bester bürokratischer Ordnung, als vor ein paar Tagen plötzlich die Wasserhähne aufhörten zu tropfen und die Klospülung ins Silentium fiel. Wie es halt mit billigen chinesischen Pumpen so ist: ein halbes Jahr im Dienst und Schluss. Also hat Hamdy sich wieder einen Vorschuss und bei seinen zwei arbeitenden Söhnen Geld geholt und das Ding reparieren lassen.

Fast gratis nass. Seither tropft es wieder in Hamdys Haus. Macht nix. Wasser ist spottbillig in Ägypten: drei Cent für den Kubikmeter, so viel wie für eine Zigarette (in Österreich ist's im Mittel etwa ein Euro). Hauptsache, die Pumpe hält. Denn für eine Reparatur hat Hamdy diesen Monat gewiss kein Geld mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2010)