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Preisbarometer: Alte Rennwagen - eine sichere Bank

Alte Rennwagen ndash eine
Mercedes Benz SL-type(c) EPA (Roland Weihrauch)
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Erstmals bildet ein Preisbarometer für edle Oldtimer wie ein Börsenindex die Bewegungen dieses Marktsegments ab. 2009 ließ sein Zuwachs von 17 Prozent klassische Indizes hinter sich.

Dass Oldtimer teuer sind, ist bekannt. Dass man mit ihnen Geld verdienen kann, auch. Wie rasant allerdings der Wert einer Jahrzehnte alten Edelkarosse zulegen kann, zeigt seit einigen Monaten der Index HAGI Top des Unternehmens Historic Automobile Group (HAG). Dieser Index ist so akribisch berechnet wie seine großen Brüder in Frankfurt oder New York – oder zumindest fast. Denn dahinter steht mit Dietrich Hatlapa einer, der es wissen muss.

Der gebürtige Deutsche war 15 Jahre als Investmentbanker in London tätig, unter anderem bei Barings und ING. In seiner Freizeit fuhr Hatlapa am liebsten mit raren alten Porsche-Modellen Oldtimerrennen. Schließlich hängte er 2006, rechtzeitig vor der Krise, seinen Job an den Nagel und machte sein Hobby zum Beruf. Die Idee: das Hochpreissegment des stark fragmentierten und völlig intransparenten Marktes für Oldtimer mit einem Index zu durchdringen, der die Preisbewegungen ausgewählter Modelle genau nachzeichnet. Die im HAGI Top repräsentierte Marktkapitalisierung beziffert HAG mit 5,9 Mrd. Euro. Hatlapa ist sicher, dass Anleger Interesse an einem genauen Instrument für dieses Segment hätten.


Verlockende Zahlen. Ende 2008 erfolgte in London die Firmengründung, im August 2009 ging man damit an die Öffentlichkeit. Das Interesse gibt dem Gründer bisher recht: Seither kam CNN zu einem Interview vorbei, die englische „Financial Times“ brachte einen Bericht auf ihrer Titelseite. Dass der große Kundenansturm bisher ausbleibt, nimmt man bei HAG gelassen: Gerade habe eine Schweizer Großbank einen Vertrag unterschrieben, erzählt Carl Christian Jancke, der für seinen Jugendfreund Hatlapa in Berlin die Stellung hält. Allerdings will Jancke keine Namen nennen. Deshalb anders formuliert: In einem aktuellen Newsletter verweist Credit Suisse auf einen Artikel über den Index.

Es sind die Zahlen, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Im Jahr 2009 legte der Hauptindex HAGI Top um 10,4 Prozent zu. HAGI P, der als einer von drei Spezialindizes nur ausgewählte Porsche-Modelle erfasst, stieg um 17,1Prozent. Das ist besser als ein Sparbuch, und langfristig ist es auch besser als der US-Aktienindex Standard & Poor's 500, eine zentrale Referenz für Investoren. „Diese Wertanlage outperformt fast alles, was auf den Kapitalmärkten zu haben ist“, sagt Hatlapa. „Und Aktien, Wein oder Kunst haben noch einen Nachteil: Man kann sie nicht fahren.“ Jancke nennt einen weiteren Aspekt: „Zwei Flaschen Wein lassen sich schwer vergleichen. Zwei Mercedes SL Flügeltürer schon.“

Für den Wertzuwachs sorgt langfristig der Markt selbst. Die Nachfrage steigt beständig, das Angebot jedoch nicht. In die einzelnen Indizes, die sich einer Auswahl an Modellen widmen (HAGI Top) oder nur Porsche (HAGI P) und nur Ferrari (HAGI F), kommen lediglich Fahrzeuge, von denen maximal 1000 gebaut wurden, und die derzeit im Schnitt 327.752 Euro wert sind. Wie kann jedoch dieser Markt, der keinerlei Standards unterliegt, überhaupt in den Indizes abgebildet werden?

Dafür holte Hatlapa den britischen Index-Experten Bruce Johnson an Bord. Zusammen mit Kollegen trugen sie den eigentlichen Firmenschatz zusammen: Einen Datensatz von 100.000 Transaktionen, der den größten Teil aller Käufe und Verkäufe des Segments von 1980 bis heute nachzeichnet. Die Grundlage des HAGI Top bilden Preisbewegungen von 50Modellen, darunter des legendären Mercedes 300 SL Gullwing oder Porsche Carrera GT 2004-6. Darauf basieren Berechnungen mit komplexen Logarithmen. Ein Fallbeispiel: Der Ferrari 365 GTB/4 „Daytona“, Baujahr bis 1976, kostete 1980 rund 35.000Pfund (heute 40.000Euro). Nach dem Tod des Firmengründers Enzo Ferrari Ende der 1980er wurde der Wagen 1990 um 450.000Pfund gehandelt. Zehn Jahre später war er 60.000 Pfund wert, der heutige Preis liegt bei 200.000 Pfund, Tendenz derzeit sinkend. „Das zeigt, dass der Kurs langfristig immer steigt“, sagt Jancke. „Aber Zocker sollten sich besser anderswo umschauen. Uns liegt viel daran, keine Blase entstehen zu lassen, sondern den Markt seriös zu begleiten.“

Auch für Kleinanleger sind die Karossen als Anlage eher nicht geeignet – und ebenso nicht für Menschen, die mit den betagten Rennwagen eine Leidenschaft des Fahrens verbinden. Wegen ihres Werts werden sie heute so gut wie nie bewegt, stattdessen stehen sie bei spezialisierten Anbietern wie dem Berliner Unternehmen Meilenwerk streng bewacht in kleinen klimatisierten Glaskästen. Wer sich also nach dem Röhren eines Porsche 550 Spyder sehnt, sollte lieber ins Kino gehen – in einen Film mit James Dean.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2010)